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Champagner Characters
Champagner Characters

Wie der Winzer, so sein Champagner

Lebensbejahend und zupackend: Ein Atelier in Mariahilf lädt Kenner und Einsteiger ein, Winzerchampagner zu verkosten.

Warmherzig und lebensbejahend“, die Kategorie steht für Champagner, der schmeckt, wie ein warmes Bad sich anfühlt oder eine warme Decke, in die man sich hineinfallen lassen will“, sagt Nicole Neumann, wenn sie ihre erdachte Typologie beschreibt. Als sie einstieg in die Branche, machte sie es wie der Rest im Weinhandel: Brav präsentierte sie die Flaschen nach Namen, Region, Traube. Laien taten sich schwer, die Informationen einzuordnen, erfahrenere Kunden und nicht zuletzt Neumann langweilte der Zugang nach einiger Zeit. Also ordnet sie nun die Flaschen in ihrem Champagneratelier nach Temperament: „Kräftig und zupackend“ steht im Regal neben „Fein und elegant“ oder „Puristisch analytisch“.

Christine Pichler

Das Regal selbst wiederum steht in einem Kellergewölbe in Mariahilf nahe der Kettenbrückengasse. Dort hat Neumann im September die zweite — und letzte („Ich will kein Franchise werden.“) Dependance von Champagne Characters eröffnet. Das Stammhaus in München hatte immer schon viele Kunden aus Österreich, warum also nicht auch eine Anlaufstelle vor Ort etablieren? Das Gebäude in der Dürergasse 3 sieht aus wie ein Wohnhaus, um zum Champagneratelier zu gelangen, queren Kunden einen idyllischen Innenhofgarten, der im Sommer auch für Verkostungen und Besuche genutzt werden soll, und kommen schließlich in einem mit Ziegelsteinen verkleideten Kellergewölbe an.

Distinktionsmerkmal

Hier stehen einige schöne alte Sitzmöbel, die Neumann über Willhaben und Flohmärkte zusammengesammelt hat; an einem langen, reichlich verzierten Esstisch finden alle paar Wochen Verkostungen statt. An Drehständern sind wie Postkarten die zahlreichen Informationsblätter zu bestimmten Weingütern oder den Aromen bestimmter Trauben zu entnehmen. Neumann pendelt zwischen München und Wien hin und her, verbringt eine Woche hier und eine dort. Die sympathische Nürnbergerin hatte eigentlich Jazzgesang studiert, bis sie über Umwege in der IT-Branche im Weinsektor ankam. Champagner entpuppte sich schließlich als ihre eigentliche Passion.

Zwei bis drei Mal im Jahr besucht sie die Champagne, pflegt bestehende Beziehungen zu Kleinproduzenten, sucht nach Neuheiten am Markt der Winzerchampagner. Großproduzenten lässt sie aus: „Winzerchampagner macht nur etwa drei Prozent des Marktes aus, obwohl sie die spannendsten Sachen produzieren. Da braucht es Unterstützung, dass auch diese individuellen Stimmen gehört werden“, sagt Neumann. Die regelmäßigen Besuche machen es auch möglich, dass sie Raritäten im Sortiment führt, die jene Winzer nur in kleiner Zahl an ausgewählte Händler weitergeben. Die Produzenten wählt sie danach aus, wie sehr sich ihr Profil von ihrem bestehenden Sortiment abhebt.

Christine Pichler

Zwar wären die Geschmacksprofile verschiedener Flaschen desselben Gutes nicht alle gleich, doch meistens ließe sich allein durch die verwendeten Trauben und den Charakter der Winzer eine übergreifende Tendenz bestimmen: „Wenn ein Winzer sich eher zurückhält, sich wortkarg und introvertiert gibt, kommt da selten ein süffiger, lauter Champagner dabei heraus. Oft spiegelt sich der Charakter im Produkt wider. Schlapft der Winzer mit ungewaschenen Haaren und Adiletten daher, dann produziert er ziemlich sicher einen ‚nerdigen‘ Wein“, sagt Neumann. Der zeichnet sich oft durch einen experimentellen Zugang und niedrige Dosage — also Zuckergehalt — aus. Das sei momentan sowieso der Trend, den auch Kritiker immer mehr belohnen. „Ich finde das oft schade, weil es nicht mit dem übereinstimmt, was der Kunde gern trinkt. Natürlich, wenn der Wein zu lang geschliffen und filtiert wird und der Zucker die Traube übertönt, schmeckt der Champagner auch irgendwann einmal müde.“

Geschmacksbibliothek

Die Verkostungen leitet Neumann selbst. Bis zu 14 Personen sitzen dabei gemeinsam an der langen Tafel, verkosten fünf bis sechs Flaschen. Dabei wird gemeinschaftlich über das Geschmacksprofil der gereichten Flaschen diskutiert, Neumann führt mit Geschichten zu Gütern, Jahrgängen und Anbau durchwegs sympathisch durch den Abend, dazwischen verkosten Besucher vom kleinen Buffet Käse vom benachbarten Naschmarkt, Schnitten JosephBrot und Wurstaufschnitt.

Christine Pichler

Jederzeit kann man aber auch eigenes Essen ins Atelier mitbringen und sich gläseroder flaschenweise durch das Sortiment kosten. „Da wir momentan selbst kulinarisch wenig anbieten können, halten wir das Stoppelgeld gering bei fünf Euro“, sagt Neumann. Verkostungen empfiehlt sie trotzdem besonders für Neueinsteiger: „Fortgeschrittenen Genießern schmeckt sowieso alles, Neulinge müssen erst die eigene Geschmacksbibliothek erweitern und von fixen Vorstellungen Abschied nehmen, wie etwas zu schmecken hätte. Je mehr man probiert, desto mehr wird einem auch schmecken“, sagt Neumann.

Info

Champagne Characters
Dürergasse 3 im Hinterhof
1060 Wien

Tel.L 01 437 32 11