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Recruiting

Die Not der Personalisten

Logistik
Auch in der Logistikbranche buhlen Unternehmen um Facharbeiter und neue Lehrlinge(C) Getty Images
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Corona und Brexit haben die Personalsituation weiter verschärft. Mit internen Ausbildungen und Maßnahmen zu einer Imageverbesserung versucht die Branche gegenzusteuern.

Neu ist das Thema Fachkräftemangel in der Logistikbranche nicht. Schon seit Jahren klagen Speditionen und Transportunternehmen über Schwierigkeiten bei der Personalsuche. Corona hat die Situation noch einmal verschärft, erzählt Oliver Wagner, Geschäftsführer des Zentralverbandes Spedition & Logistik: „Vor allem im Paketdienstbereich gab es große Zuwächse, das brachte für etliche Firmen Personalsorgen.“ Grundsätzlich sei aber in allen Bereichen der Branche der Bedarf an qualifizierten Kräften größer als das Angebot, betont Wagner. Als Beispiel nennt er Zolldeklaranten: „Der Brexit ist hier Ursache, denn aufgrund der komplizierten Abwicklung übergeben viele Firmen, die mit Großbritannien Handel betreiben, die Zollabwicklung einer Spedition.“ Um den Mangel an Spezialisten abzufangen, investieren viele Firmen daher in die interne Ausbildung. Das sei ein sich deutlich abzeichnender Trend, bestätigt Wagner.

Interne Lehrlingsprogramme

Dazu gehört unter anderen das Transport- und Logistikunternehmen Gebrüder Weiss. „Seit über 80 Jahren betreiben wir Lehrlingsprogramme“, erzählt Monika Mandl, verantwortlich für die interne Ausbildung. Derzeit sind es mehr als 250 junge Menschen in der Zentrale und in den Niederlassungen der D-A-CH-Region, die zu Speditionskaufleuten oder Speditionslogistikern ausgebildet werden. Zur Motivation arbeitet man mit sogenannten Benefits, etwa einem mehrtägigen Lehrlingscamp im Pongau „mit tollem Programm“, bei dem sich Auszubildende aus allen drei Ländern treffen. Gezielt angesprochen werden auch Umsteiger von höherbildenden Schulen und AHS-Maturanten: „Es ist ein bunter Strauß; uns ist wichtig, dass sie zu unserer Unternehmenskultur passen und dass sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“ Nach der Lehre werden solche Mitarbeiter unterstützt, etwa wenn sie im zweiten Bildungsweg die Matura nachholen oder ein Logistikstudium absolvieren wollen.

Ausgeprägte Personalprobleme plagen auch das Transportgewerbe – es mangelt an Lkw-Fahrern. Noch ist die Situation nicht so dramatisch wie in Großbritannien. Aber mittelfristig könnte es auch hierzulande ernste Probleme geben: „Nur zehn Prozent der Lenker sind unter 30, aber 36 Prozent älter als 50 Jahre“, berichtet Transportunternehmer und WKO-Spartenobmann Alexander Klacska. Die Pensionierungswelle gewinne an Fahrt, und es bestehe die Gefahr, dass die frei werdenden Posten nicht nachbesetzt werden. Das Transportgewerbe will nun reagieren: „Wir möchten junge Menschen ansprechen und für den Lehrberuf begeistern, dazu braucht es aber den Führerschein mit 17 Jahren“, sagt Klacska. Außerdem wolle man gezielt Frauen für den Beruf gewinnen, da im Regional- und Zustellverkehr familienfreundliche Arbeitszeitmodelle möglich seien. Letztlich sollen mehr Arbeitslose den Fahrerberuf ergreifen.

Schienenverkehrsunternehmen werben ebenfalls um neue Mitarbeiter. Die Wiener Lokalbahnen WLB und ihre Güterverkehrstochter WLC haben eine „Traincademie“ eingerichtet, in der Ausbildungen für Lokführer und andere Bahnberufe angeboten werden. „Wir wollen hier alles rund um die Bahn abbilden“, erläutert WLB-Geschäftsführerin Monika Unterholzner. Mit dem Projekt soll einem zu erwartenden Mangel an Lokführern begegnet werden. Kopfzerbrechen bereitet zudem der Mangel an gut geschulten Mitarbeitern für die Bahn-Infrastruktur: „Elektrotechniker, Hoch- und Tiefbauer sowie Mechatroniker fehlen uns besonders“, sagt Unterholzner. Daher wendet man sich ergänzend zur eigenen Lehrlingsausbildung an HTL-Absolventen.

Neben den internen Weiterbildungsangeboten sehen Experten eine weitere Verbesserung des Images der Branche als wichtige Maßnahme, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. „Die Logistikbranche bietet sehr abwechslungsreiche und interessante Jobs mit internationalem Background, das muss jungen Menschen noch stärker bewusst gemacht werden“, betont Zentralverband-Geschäftsführer Wagner.

Akademische Ausbildungen

Welche spannenden und vielfältigen Aufgaben es in Logistikberufen gibt, zeigen die Fachhochschul-Angebote. Die FH des BFI in Wien etwa bietet schon im Bachelor-Studiengang zukunftsorientierte Module wie smarte Logistik oder nachhaltige Mobilität sowie zusätzliche Sprachausbildungen und Auslandssemester.

Die FH Steyr in Oberösterreich hat das größte Forschungsinstitut des Landes für Logistik, von dem auch Studierende profitieren. Absolventen von Logistikstudien sind jedenfalls gefragt: „Praktisch alle Studierenden, die dies wollen, haben bereits vor dem Abschluss des Studiums einen fixen Job“, erzählt Martin Vettori von der FH Steyr. Die Arbeitslosigkeit der Absolventen liege bei 0,5 Prozent.

AUF EINEN BLICK

Große Logistiker wie Gebr. Weiss oder DB Schenker betreiben eigene Akademien, aus denen sich später auch das Führungspersonal rekrutiert. Schienenunternehmen wie die Wiener Lokalbahnen oder die ÖBB haben große Lehrwerkstätten eingerichtet, in denen die verschiedensten Berufe erlernt werden können. Dazu gibt es eine Fülle an FH-Angeboten. www.gw-world.com/at/lehre, www.dbschenker.com/at-de/karriere/lehrlinge, www.wlb.at/karriere-wlb, www.nasicher.at, www.fh-vie.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2021)