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Kino

Hier wird Soho zum Schattenreich

Die Sängerin Sandie (Anya Taylor-Joy) vertraut sich einem Manager (Matt Smith) an, der nicht nur ihre Karriere im Sinn hat.
Die Sängerin Sandie (Anya Taylor-Joy) vertraut sich einem Manager (Matt Smith) an, der nicht nur ihre Karriere im Sinn hat.[ Universal Pictures ]
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Edgar Wright lässt uns mit großartigen Bildern und Songs vom flirrenden Nachtleben der Sixties träumen. Aber „Last Night in Soho“ scheitert an einem überfrachteten Plot.

Während der Lockdowns hielt der britische Regisseur Edgar Wright häufig Zwiesprache mit seinen Instagram-Abonnenten. Er teilte Standbilder aus obskuren Filmen und lud zum fröhlichen Titelraten ein. Oder er fotografierte Stapel von DVDs und bewies sich dank einer Spannbreite von Schund bis Klassiker als cinephiler Omnivore – eine europäische Antwort auf Quentin Tarantino. Im Gegensatz zum Werk seines Geistesverwandten ist Wrights Kino (dazu zählen etwa „Baby Driver“ oder „Scott Pilgrim vs. the World“) weniger formalistisch, referenzwütig und klugscheißerisch, dafür niedrigschwellig popaffin und spaßbetont.

Gemein ist beiden ihre Musikalität, bei Takt und Rhythmus in der Inszenierung, aber auch bei der eklektischen Song-Auswahl, mit der sie Charaktere konturieren und Atmosphäre schaffen. Einer (womöglich von der PR-Abteilung gestreuten) Anekdote zufolge war es Tarantino, der Edgar Wright auf einen Hadern einer englischen Beat-Band und damit auf den Titel seines neuen Films brachte: „Last Night in Soho“.

Vier Worte, die an Lustbarkeiten und Lasterhaftes in diesem Londoner Stadtteil denken lassen, der bis in die Achtzigerjahre Anlaufstelle für alle legalen und illegalen Vergnügungen war. In Wrights übernatürlich unterspültem Psychothriller zieht das Landmädchen Eloise (mit nervtötendem, weinerlichem Timbre in der Stimme: Thomasin McKenzie) ins aufpolierte, gentrifizierte Soho der Gegenwart. Um den stutenbissigen Kommilitoninnen an der Modeschule zu entgehen, bezieht sie ein Zimmer bei der strengen, aber liebenswürdigen Greisin Ms. Collins (Legende Diana Rigg in ihrer letzten Rolle). Sie beginnt zu träumen, von der jungen Sängerin Sandie (großartig entrückt: Anya Taylor-Joy), die in den Swinging Sixties nach Engagements sucht und dabei in die flirrende Welt der Nachtclubs eintaucht. Da erweist sich Wright als technischer Wunderwuzzi: Er beschwört die Dekade in allen Farben der Nacht, zerfurcht von tiefen Schattenwürfen, dynamisiert von großartigen Kamerafahrten. Als Zuschauer erliegt man Scheinwerfer und Champagner genauso wie die Hauptfigur und lässt sich durch diese meisterhaft choreografierte Kunstwelt treiben. Nur den Hauch einer Ahnung hat man, dass sich hinter den glamourösen Ausschweifungen ein Schattenreich versteckt hält. Zu sehen ist es erst, wenn der Glitter von der Fassade gekratzt wird.

Feminismus mit dem Holzhammer

Belebt und fasziniert von diesen Träumen schneidert Eloise schicke Retro-Kleider und versucht immer tiefer in Sandies Leben einzutauchen. Ob die junge Frau darüber tatsächlich in das (vergangene) Leben einer anderen einsteigt oder diese Visionen Symptom einer psychischen Krankheit sind, lässt das überfrachtete Drehbuch bis zum Schluss offen (geschrieben hat es Wright mit der Oscar-nominierten Schottin Krysty Wilson-Cairns). Die Träume nehmen jedenfalls schnell beängstigende Züge an: Von ihrem Manager (toll gegen den Strich besetzt: Matt Smith) wird Sandie einer Reihe von Anzugträgern vorgestellt, die weniger die Karriere der Sängerin anschieben als ihre eigenen sexuellen Begierden befriedigen wollen. „Last Night in Soho“ versteht sich auch als feministischer Gegenentwurf zu den britischen Exploitation-Filmen der Sechzigerjahre: Sie erzählten von Landmädchen, die in der großen Stadt seelisch und körperlich ausgebeutet werden, was eine Warnung vor zu viel sexueller Befreiung (für Frauen) enthielt und selten auf die männlichen Täter hinwies.

Wright bietet eine Korrektur zu diesem Bild, schwingt dabei allerdings mehr den Holzhammer als die feine Klinge und scheitert so ambitioniert wie vollumfänglich an seiner ehrbaren Ernsthaftigkeit. Als Horrorfilm, als der er beworben wird, ist sein Werk zu wenig angsteinflößend, als Whodunit und Tätersuchspiel viel zu vorhersehbar. Als Zeitbild ist es zu wenig detailliert. So bleibt von „Last Night in Soho“ vor allem der herausragende Soundtrack hängen – mit Songs von Cilla Black, The Who, Siouxsie and the Banshees und Barry Ryan („Eloise“, was sonst?).
Und während man diese Weltnummern mitsummt und mitsingt, lässt es sich hervorragend träumen. Von besseren Filmen etwa.