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Interview

Zu viel Gefühl macht auch die Linken illiberal

Mehr Sensibilität stand immer für gesellschaftlichen Fortschritt. Heute schafft sie eine Kluft in der Gesellschaft.
Mehr Sensibilität stand immer für gesellschaftlichen Fortschritt. Heute schafft sie eine Kluft in der Gesellschaft.Getty Images
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Diskurs. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler untersucht im Buch „Sensibel“ Segen und Fluch der Empfindsamkeit. Übers Aushalten von Zumutungen, tödliche rechte Cancel Culture, Vorteile des Nicht-Genderns und warum Mitfühlen noch keine Moral ist.

Die Presse: Sind wir zu sensibel und empfindlich geworden?

Svenja Flaßpöhler: Sensibilität ist zunächst ein Indikator für Fortschritt: Je empfindsamer Menschen sind für eigene und fremde Grenzen, desto zivilisierter ist die Gesellschaft. Aber es gibt ein Unbehagen: Wir verbieten uns heute, Gefühle anderer zu hinterfragen – mit unserer Urteilskraft zu bewerten, ob auf eine Verletzlichkeit Rücksicht zu nehmen ist oder ob sie nur vorgeschoben wird, um Macht auszuüben. So werden wir zu einer Gesellschaft, die sich von Gefühlen leiten lässt.

Wenn eine Freundin mich um einen privaten Rat fragt: Soll ich dann nicht versuchen, mich in sie hineinzuversetzen?

Das war in der #MeToo-Debatte die einzige Perspektive, die Männern erlaubt war: zuhören, verstehen, sich komplett in die Betroffenen einfühlen und deren Sichtweise übernehmen. Aber dieser Ich-Verlust führt zu normativer Spannungslosigkeit: Wie der andere die Welt sieht, weiß der ja schon selbst. Um ihn aus seiner Position rauszuholen, muss ich ihm sagen, wie ich an seiner Stelle agiert hätte. Was ein gelungenes Gespräch zwischen Freunden ausmacht, ist das Wechselspiel zwischen Einfühlung und Außenblick. Wenn man den anderen nicht fragt: „Könntest du nicht?“, „Solltest du nicht?“ – dann machen sich beide gleich schwach und können sich keinen guten Rat mehr geben.