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Internationale Reaktionen

Lockdown für Ungeimpfte: Österreich als "abschreckendes Beispiel"

Anstehen vor einer Impfbox in Wien. Auch internationale Bild-Agenturen haben derzeit viele Anfragen zu aktuellen Bildern aus Österreich, um Artikel bebildern zu können.
Anstehen vor einer Impfbox in Wien. Auch internationale Bild-Agenturen haben derzeit viele Anfragen zu aktuellen Bildern aus Österreich, um Artikel bebildern zu können.REUTERS
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Der Lockdown für ungeimpfte Menschen ist eine Maßnahme, die noch kein Land ausprobiert hat. Dementsprechend groß ist das internationale Interesse, aber auch die Skepsis. Kroatiens Präsident Jovanovic spricht sogar von „Tobsucht ohne Argumente“.

Wenn international über Österreich berichtet wird, dann fällt derzeit stets auch jener Satz: „Austria has one of the lowest vaccination rates in western Europe, with about 65 percent of the total population fully vaccinated.“ Österreich hat eine der niedrigsten Impfraten in Westeuropa, mit etwa 65 Prozent der Gesamtbevölkerung, die doppelt geimpft ist. Und Österreich ist derzeit wieder Thema in vielen Medien der Welt. Nachrichtenportalen in Europa wie „Guardian“, BBC, CNN in den USA, aber auch etwa al-Jazeera im arabischen Raum berichten. Denn was die Regierung mit ihrem Lockdown für Ungeimpfte (über zwölf bzw. 15 Jahren, worauf nur wenige internationale Medien hinweisen) derzeit ausprobiert, dürfte eine Welt-Premiere sein, die aber kaum Nachahmer finden dürfte. Darauf deuten zumindest die Reaktionen am Wochenende und am Montag hin.

Und die internationalen Medien stellen auch die hierzulande viel diskutierte Frage in den Raum, wie dieser Lockdown für Ungeimpfte denn kontrolliert werde. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet etwa von großen Zweifeln in der österreichischen Gesellschaft, dass die Polizei den Lockdown hierzulande ausreichend kontrollieren könne. „How will the Government actually control the implementation of this unvaccinated Lockdown?", fragt auch der Moderator des englischsprachigen deutschen Senders Deutsche Welle den Journalistenkollegen Klaus Prömpers in Wien, der hier viele Jahre das ZDF-Studio geleitet hat. Wie will die Regierung also tatsächlich die Einhaltung der Regeln kontrollieren? Die Polizei werde Zufallskontrollen durchführen. Alleine, dass die öffentlichen Verkehrsmittel jedem zugänglich seien - mit FFP2-Maske - mache Kontrollen schwer. Doch Prömpers erwähnt auch die hohen Strafen für Menschen, die beim Brechen der Regeln erwischt werden. Am Land sei die Einhaltung des Lockdowns für Ungeimpfte aber schwer zu überprüfen.

„Österreich als abschreckendes Beispiel"

Die „Bild"-Zeitung sieht in Österreichs Weg kein Vorbild für Deutschland. "Lange galt Österreichs Corona-Politik als Blaupause für Deutschland. Schnell verschärfen, schnell lockern. Mit dem Lockdown gegen Ungeimpfte ist Österreich ein abschreckendes Beispiel geworden“, heißt es in der größten deutschen Tageszeitung. „Mal abgesehen von der brutalen Freiheitseinschränkung: Niemand weiß, ob es weniger Infektionen gibt, wenn Menschen zu Hause eingesperrt sind. (...) Doch das Schlimmste ist, dass der Lockdown auch Kinder und Jugendliche trifft. Minderjährige werden massiv unter Druck gesetzt, sich gegen ein Virus impfen zu lassen, das für sie selbst kaum gefährlich ist. Stattdessen gefährdet die Politik ihre körperliche und geistige Gesundheit (...). Das Virus kennt bekanntlich keine Grenzen. Aber diese Politik gegen Kinder und Jugendliche darf in Deutschland keine Schule machen!"

Dieser Einschätzung der „Bild“ sei an dieser Stelle noch um die Tatsache ergänzt, dass der Lockdown für Kinder bis zwölf Jahren nicht gilt - und auch für Kinder bis 15 nicht, die sich in der Schule regelmäßig testen und deren Ninja-Pass aktuell und vollständig ist.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sieht durchaus Interesse in Deutschland an dem Versuchsprojekt „Lockdown für Ungeimpfte“ - erneut wird die Maßnahme aber als „kaum zu kontrollierende Sanktion“ gewertet: "In Österreich war der gleiche Effekt (dass sich nun mehr Menschen impfen lassen, Anm.) unter dem Begriff 'Schnitzelpanik' eingetreten, als Kanzler (Alexander) Schallenberg (ÖVP, Anm.) vor zwei Wochen einen Lockdown für Ungeimpfte ankündigte. Doch die Drohung kam zu kurzfristig, um den dortigen Corona-Tsunami durch eine deutlich höhere Impfquote zu brechen. Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte, immerhin ein Drittel der österreichischen Bevölkerung, treten nun in Kraft. Ob diese kaum zu kontrollierende Sanktion die Zahl der Geimpften auf mehr als 80 Prozent steigert, wird auch in Deutschland aufmerksam beobachtet werden."

Dieses Bild vom Impfbus in Salzburg Montagvormittag wurde auch im Ticker des britischen "Guardian" aufgegriffen: "...a large queue to get the jab at the 'Impfbus'"
Dieses Bild vom Impfpus in Salzburg Montagvormittag wurde auch im Ticker des britischen "Guardian" aufgegriffen: "...a large queue to get the jab at the Impfbus"APA/BARBARA GINDL

Kein Vorbild für Großbritannien

Die in deutschen Meiden aufgebrachten Zweifel sind auch Argumente für die britische Regierung, dem österreichischen Vorbild eines Lockdowns für Ungeimpfte nicht zu folgen. Man schließe einen Lockdown der österreichischen Art vorerst aus, sagte der konservative Abgeordnete Oliver Dowden Montagfrüh in einem Interview mit Sky News: „Das ist nichts, was wir derzeit in Erwägung ziehen.“ Von Pflegepersonal etwa verlange man zwar eine doppelte Impfung, aber er sei prinzipiell der Meinung, „es war immer schon eine britische Tradition, sich auf freiwilliger Basis zu bewegen. Wir haben also nicht die Absicht, eine solche Differenzierung zwischen geimpften und ungeimpften Personen vorzunehmen“, so Dowden.

Auch die Entscheidung der Stadt Wien, Kinder unter zwölf Jahren schon zur Impfung zuzulassen, obwohl die europäische Arzneimittelbehörde EMA in dieser Hinsicht noch keine finale Entscheidung getroffen hat, ist Thema im Ausland. So wurde der britische Professor für Infektionskrankenheiten Mike Tildesley ebenfalls auf Sky News dazu befragt, ob der fälschlicherweise als gesamt-österreichischer bezeichnete Weg hier eine Möglichkeit für Großbritannien wäre. Seine Antwort: „Wenn es um jüngere Menschen geht, muss man den Nutzen und die Risiken für den Einzelnen abwägen. Und die Sache mit sehr kleinen Kindern ist, dass sie im Allgemeinen nicht sehr krank werden. Aber wenn sie geimpft werden, schützt das indirekt auch den Rest der Bevölkerung. Das ist also die Entscheidung, die die Regierung unter der Leitung des Gemeinsamen Ausschusses für Impfungen und Immunisierungen in den nächsten Wochen treffen muss."

Eine weltweite Premiere

Dass internationale Medien über Österreich berichten, verwundert insofern nicht, als ein Lockdown für ungeimpfte Personen weltweit eine Premiere sein dürfte. Vergleichbare Maßnahmen in einem der fast 200 Ländern weltweit sind zumindest nicht bekannt. Allerdings steigt der Druck auf Menschen, die sich noch nicht gegen Covid-19 impfen haben lassen, derzeit international massiv. Ein paar der deutlichsten Beispiele:

In Singapur müssen Ungeimpfte, die keinen medizinischen Grund für diese Entscheidung haben, die Kosten für ihre medizinische Versorgung im Falle einer Covid-Infektion selbst tragen. Neuseeland hat eine Impfpflicht für viele Lebensbereiche eingeführt, etwa für Angestellte in Friseursalons, Bars oder Fitnessstudios. Diese Regel treffe rund 40 Prozent aller Arbeitnehmer. In New South Wales, Australien, dürfen ungeimpfte Personen über 16 Jahren die Wohnung einer anderen Person nicht mehr besuchen - auch hier gibt es allerdings einige Ausnahmen. Und auch in Deutschland haben einige Bundesländer schon eine 2G-Regel in Planung, etwa Bayern. Das heißt, Zutritt etwa zu Restaurants und Clubs haben nur Menschen, die geimpft oder innerhalb der letzten Monate genesen sind.

Slowenien beobachtet Maßnahmen genau

Nur aus einem Land gibt es konkreteres Interesse daran, einen Lockdown für Ungeimpfte vielleicht ebenfalls einzuführen. Slowenien wartet diesbezüglich aber noch auf eine entsprechende Entscheidung des Verfassungsgerichts. "Österreich hat schon eine drastische Beschränkung für alle Ungeimpften eingeführt. Jetzt müssten wir so schnell wie möglich wissen, ob wir diesen Weg auch beschreiten können", sagte der slowenische Regierungschef Janez Jansa nach Angaben der Nachrichtenagentur STA am Montag im Parlament in Ljubljana.

Das Zwei-Millionen-Land weist aktuell die relativ höchsten Corona-Neuinfektionen der Europäischen Union auf, vor Kroatien und Österreich. Die Mitte-Rechts-Regierung in Ljubljana hat erst am vergangenen Montag die Corona-Maßnahmen verschärft, doch gelten die Beschränkungen auch für Geimpfte.

Kroatischer Präsident attackiert Österreich

Der kroatische Staatspräsident Zoran Milanovic hat hingegen scharfe Kritik am österreichischen "Lockdown für Ungeimpfte" geübt und ihn indirekt als "Dummheit" bezeichnet. "In Österreich verbietet man heute Menschen, die nicht geimpft sind, das Haus zu verlassen. Was ist das, Wissenschaft oder Methoden, die an die 30er Jahre erinnern?", sagte Milanovic am Montag nach Angaben der Zeitung "Jutarnji list" nach einer Audienz bei Papst Franziskus im Vatikan. "Ich habe in letzter Zeit ein Problem mit dieser Tobsucht ohne jegliche Argumente. Wissenschaft kann nicht gleichzeitig die Erfindung der Impfung sein, die das Werk einiger brillanter Geister war, und diese Dummheiten bei den Maßnahmen", sagte Milanovic mit Blick auf den österreichischen Ungeimpften-Lockdown.

"Ich habe den Bürgern empfohlen, sich zu impfen, aber die Bürger haben das Recht, sich vor Willkür schützen", brach der sozialdemokratische Ex-Premier eine Lanze für die Rechte der Ungeimpften. Kroatien weist derzeit noch höhere Neuinfektionszahlen auf als Österreich, und liegt europaweit hinter Slowenien auf dem zweiten Platz. Die Impfskepsis ist in dem Adriastaat weit verbreitet. Nach den Daten von "Our World in Data" sind in dem jüngsten EU-Staat erst 45,5 Prozent aller Bewohner vollimmunisiert.

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(klepa/Ag.)