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Krisen- und Katastrophenmanagement: Immer kühlen Kopf bewahren

Krisen Katastrophenmanagement Immer kuehlen
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Bedarf an Führungskräften mit umfassenden Kenntnissen in der Prävention sowie im Krisen- und Katastrophenmanagement ist gegeben.

Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Bildungskrise – es scheint so, als hätte das Wort „Krise“ beste Chancen, zum internationalen Wort (oder Unwort) des Jahres gewählt zu werden. Wenn Krisen omnipräsent sind, steigt in jedem Fall der Bedarf an qualifizierten Führungskräften mit umfassenden Kenntnissen in der Prävention sowie im Krisen- und Katastrophenmanagement. „Aktualität und Notwendigkeit einer Ausbildung in diesem Bereich sind stärker denn je“, bestätigt Gerhard Grossmann, wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrgangs für „Sozioökonomisches und psychosoziales Krisen- und Katastrophenmanagement“ (vier Semester, berufsbegleitend, Abschluss: Akademischer Krisenmanager) an der privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, medizinische Informatik und Technik in Hall in Tirol (Umit).

 

Systemisches Verständnis

Dass sich Krisenszenarien häufen und deren Auswirkungen immer dramatischer werden, steht für Grossmann außer Frage. „Allein die durch Naturkatastrophen entstandenen Schäden lassen sich in den letzten 20 Jahren auf circa 1,8 Billionen US Dollar beziffern. Seit den 1960er-Jahren ist der volkswirtschaftliche Schaden inflationsbereinigt um das Achtfache angestiegen“, skizziert der Krisenforscher ökonomische Auswirkungen und fordert in der Ausbildung von Fachkräften aufgrund der Komplexität der aktuell auftretenden Krisen und Katastrophen interdisziplinäre Sicht- und Denkweisen: „Nur durch einen ganzheitlichen Bildungsansatz können negative Auswirkungen von Naturkatastrophen, Großschadensereignisse, Klimawandel, Finanz- bzw. Wirtschaftskrise, Rückrufaktionen, Unternehmenskrisen etc. vermieden oder möglichst gering gehalten werden.“ Ein breiter Blickwinkel sei die Voraussetzung, um nachhaltige Präventions- und Interventionskonzepte erstellen zu können. Als Charakteristika eines modernen Krisen- und Katastrophenmanagers führt Grossmann unter anderem vernetztes, systemisches Denken, strukturierte analytische Vorgehensweise, Führungsfähigkeit, Koordinationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Zuverlässigkeit und Durchsetzungsvermögen an. „Gefordert ist ein systemisches Verständnis, das durch die Kombination von interdisziplinärem Fachwissen und sozialer Kompetenz erreicht wird“, erklärt Alexandra Kulmhofer, stellvertretende wissenschaftliche Leiterin des Umit-Lehrgangs. Auf dem Lehrplan stehen demnach wissenschaftliche Aspekte der Prävention und Bewältigung von Krisen und Katastrophen ebenso wie Fallstudien, Planspiele oder Gruppenarbeiten. Ein angewandtes Krisenstabstraining an Bord eines Eisbrechers und Bergungsschleppers in Italien runden ein Programm ab, das „Führungspersönlichkeiten, die auch unter massivem Entscheidungs- und Aktionsdruck kühlen Kopf bewahren“ ausbilden soll.

Der Vielfalt wissenschaftlicher Methoden und der Interdisziplinarität verschreibt sich auch der Masterstudiengang „Krisen- und Sanierungsmanagement“ (viersemestrig, berufsbegleitend, Master of Arts) an der Fachhochschule Kufstein Tirol. Der Schwerpunkt liegt hier bei einer Managementausbildung, die Krisen- und Restrukturierungswissen mit rechtlichen Aspekten verbindet. „Besondere Bedeutung messen wir einem eher in die Breite gehenden General-Management-Programm zur Vorbeugung und Vermeidung unternehmerischer Krisen sowie der Handhabung von sogenannten strategischen Erfolgskrisen bei“, erläutert Programmdirektor Wolfgang Klose.

 

Komplexe Aufgaben

Vor dem Hintergrund eines wirtschaftswissenschaftlichen Basiswissens, das in einem vorangegangenen Bachelorstudiengang erworben wurde, werden an der FH Kufstein vier Kernkompetenzen vermittelt: Krisenprophylaxe, Krisenmanagement, Unternehmensrestrukturierung und Unternehmenssanierung. Speziell bei letzterem Modul sind detaillierte juristische Kenntnisse (Bereiche Arbeits-, Haftungs- und Gesellschaftsrecht, europarechtliche Bestimmungen) unverzichtbar. „Die Absolventen sollen nach Abschluss des Studiums für komplexe Fragestellungen aller Art aus dem Bereich des Krisen- und Sanierungsmanagements gewappnet sein. Und sie sollten eigenverantwortlich Entscheidungen über die Auswahl und Durchführbarkeit von Sanierungsmaßnahmen treffen sowie mithilfe von Datenmaterial Zusammenhänge aufzeigen, bewerten und Prognosen erstellen können“, bringt Klose das Ausbildungsziel auf den Punkt. Als berufliche Tätigkeitsfelder bieten sich operative Unternehmensbereiche ebenso an wie beratende Funktionen.

 

Professionelle Kommunikation

Effiziente Kommunikation als Schlüsselfaktor thematisiert der Universitätskurs „Krisenmanagement und Krisenkommunikation“ (zweisemestrig, berufsbegleitend, zertifizierter Krisenmanager) an der Uni Graz for Life. „Gerade in Krisensituationen kommt aktiver und offensiver Kommunikation eine enorme Bedeutung zu. Denn oftmals entsteht durch fehlende, mangelhafte und unglaubwürdige Kommunikation ein kaum zu überwindendes Kommunikationsvakuum, das nachweislich zu nachhaltigen Imageschäden führt und im schlimmsten Fall die Existenz von Unternehmen gefährdet“, erklärt Programmkoordinator Martin Zechner vom Institut für Krisenmanagement und Krisenkommunikation, Krisenkompass. Im Fokus steht dabei die richtige Medienkommunikation, die laut Zechner bei Unternehmen oftmals vernachlässigt wird, „obwohl eine gelungene Medienkommunikation in Verbindung mit einem Frühwarnsystem den Ausbruch und Verlauf von Krisensituationen erheblich mildern oder sogar ganz abfangen kann“. Den Teilnehmern werden im Rahmen des Lehrgangs aber nicht nur Kompetenzen der reinen Krisen- und Medienkommunikation vermittelt. Auf dem Programm stehen auch essenzielle „krisenrelevante“ Themenbereiche in den Disziplinen Wirtschaftsrecht und Restrukturierungsmanagement.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)