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Nutzungskonzepte

Shoppingcenter: Konsumtempel war gestern

Unibail-Rodamco-Westfield schlieszt Joint-Venture in der Shopping City Sued
Mitten in der Coronakrise wechselte ein 45-Prozent-Anteil an der Shopping City Süd den Besitzer.(C) URW
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Gute Ware allein reicht nicht mehr. More of the same auch nicht. Eine kriselnde Branche rüstet sich für den Umbruch. An der Zukunft als Erlebniswelt wird gearbeitet.

Die Coronakrise mag nicht der Auslöser gewesen sein, aber sie hat den Prozess dramatisch beschleunigt: Die Zahl der Online-Shopper wächst enorm und der gesamte stationäre Handel hat darunter zu leiden. Shoppingcenter-Betreiber kämpfen bereits seit Jahren mit Frequenz- und Umsatzstagnation, die Lockdowns haben die Krise verschärft. Soll nicht noch mehr Kaufkraft verloren gehen, bedarf es laut Experten einer Neuorientierung und innovativer Nutzungskonzepte.

Optimismus in der Krise

„Der Handel ist bekanntlich immer Wandel, aber so rasch wie zurzeit gerade sind Veränderungen noch selten erfolgt“, bringt es Mario Schwaiger, Einzelhandelsspezialist bei EHL Gewerbeimmobilien, auf den Punkt. Den notwendigen Umbruch in der Branche sieht er gleichzeitig als große Chance: „Corona hat die Tür für neue Konzepte eröffnet. Einkaufszentren werden bunter: Ein breiterer Branchenmix, mehr Gastronomie, mehr Dienstleistung und, wegen der sinkenden Filialgröße, auch mehr Geschäftslokale.“

Die Vorstellung eines reinen Konsumtempels ist obsolet und der Weg führt hin zu mehr Service-, Freizeit-, Gesundheits- und Gastronomieangeboten. Im Fokus werden künftig wohl Beratung, Erlebnis und Unterhaltung stehen. Die Idee ist nicht neu, aber nun wird sie auch umgesetzt. „Die jüngste wirtschaftliche Erholung und der damit verbundene Optimismus haben dafür gesorgt, dass diese Chancen von vielen jetzt tatsächlich genutzt werden“, weiß Schwaiger, der den Händleroptimismus teilt: „Dieser Trend trägt dazu bei, dass der ortsgebundene Einzelhandel keine Sorge haben muss, mit der Onlinekonkurrenz nicht mithalten zu können.“

Investoren vorsichtig

Ob Investoren diese Perspektive teilen, ist noch fraglich. Aus dem aktuellen EHL-Immobilieninvestment-Marktbericht geht hervor, dass insbesondere die sehr sicherheitsorientierten, institutionellen Investoren 2021 dazu tendieren, ihr Investmentprofil zu überarbeiten. Bereits seit Pandemiebeginn zeige sich deutlich, dass Investoren die zum Teil aus subjektiver Sicht risikobehafteten Segmente Hotel und Shoppingcenter in vielen Fällen bereits durch eine Verstärkung ihres Engagements in den ,coronaresistenten‘ Bereichen Wohnen, Logistik und Nahversorgung ersetzt haben, heißt es in der Analyse. Die Unsicherheit manifestiere sich auch bei den Renditen und Preisen. „Für Einzelhandelsimmobilien, insbesondere für Shoppingcenter, ist die Preisentwicklung derzeit aufgrund fehlender Transaktionen weiterhin schwer abzuschätzen“, meinen die Analysten, die aber zugleich darauf verweisen, dass „sehr gut positionierte Fachmarktzentren mit starkem Nahversorgungscharakter und Lebensmittelanker investorenseitig stark nachgefragt sind“.

Dass Positionierung und Qualität gerade in Umbruchzeiten die Spreu vom Weizen trennen, verdeutlicht sich am Beispiel der Shopping City Süd, Österreichs größtem Einkaufszentrum, das mit rund 25 Millionen Besucher pro Jahr zu den zehn besucherstärksten in Europa zählt.

 

Ein Milliardendeal

Ende April 2021, mitten in der wiederaufflammenden Pandemiekrise, machte der Verkauf von 45 Prozent der SCS an die französische Großbank Crédit agricole assurances zu einem kolportierten Preis von mehr als einer Milliarde Euro Schlagzeilen. „Die Veräußerung eines Minderheitsanteils an der Shopping City Süd an einen internationalen Investor zeigt, dass die SCS am europäischen Markt als resilientes und ertragssicheres Asset etabliert ist“, heißt es dazu seitens des Verkäufers Unibail-Rodamco-Westfield. Ins Treffen wird geführt, dass die SCS die Krise bislang solide gemeistert hat und mit zahlreichen Neueröffnungen und Markteintritten von internationalen Marken in den vergangenen Monaten (Maisons du Monde, Mister Spex, Dyson) punkten konnte.

Wie man als Shoppingcenter auch künftige Krisen – Stichwort Klimawandel – meistern könnte, zeigt sich wiederum beim Döblinger SES-Shoppingcenter Q19, das als Vorbild der Branche in Sachen Green Building gehandelt wird.

 

Nachhaltig fit

So ist das Q19 zum Beispiel als einziges Shoppingcenter in Wien von Oekobusiness Wien für Nachhaltigkeit zertifiziert. Erst kürzlich investierte der Betreiber in eine neue Verglasung des Daches, die zum einen für eine Jahresenergieeinsparung von bis zu 35 Prozent sorgen und zum anderen die Aufenthaltsqualität für Kunden erhöhen soll. „Der Umweltschutzgedanke ist fester Bestandteil der Betriebsführung. Ökologisches Wirtschaften führt zu ökonomischem Erfolg und macht unsere Shoppingcenter zukunftsfit und erfolgreich“, ist SES-COO Christoph Andexlinger davon überzeugt, dass sich die Investitionen bezahlt machen. In diesem Zusammenhang könnte sich künftig sogar ein neues Geschäftsfeld auftun. So hat SES in seinen Centern in ganz Österreich bereits 126 Ladestationen für Elektrofahrzeuge, zu denen in den nächsten Monaten 21 Ladepunkte hinzukommen sollen. Dem Image hat es bisher nicht geschadet: Ende August wurden SES dafür als Klimaaktiv-mobil-Projektpartner ausgezeichnet.

TREND ZU NACHHALTIGKEIT

Wie aus dem Sustainable Commerce Report 2021 von EY hervorgeht, ist das Thema Nachhaltigkeit derzeit bei rund einem Viertel der heimischen Handelsunternehmen ein integraler Strategiebestandteil, bei weiteren 57 Prozent teilweise. Der CO2-Fußabdruck wird von einem Drittel der Befragten erhoben, ein weiteres Drittel plant, dies in den nächsten zwei Jahren zu tun. Sortiment, Lieferkette und Kreislaufwirtschaft stehen dabei besonders im Fokus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2021)

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