Gesums auf hohem Niveau

Michael Stavarič' Abgesang auf den Eurozentrismus.

Neulich legte ich zuhause eine CD von Xenakis ein und meine Mutter, die das gar nicht bemerkt hatte, wunderte sich plötzlich und fragte mich: Was ist das heute für ein schöner Verkehrslärm? Da staunte ich, wie von ungefähr und doch treffend sie erkannt hatte, wozu Kunst fähig ist. Nämlich das Triviale, Banale und Unbedeutsame des alltäglichen Lebens in eine höhere Ausdrucksform zu gießen, den Sinn für ihre immanente oder auch nur mögliche Ästhetik wachzurütteln.

Mit seinem Buch „Europa. Eine Litanei“ gelingt das auch Michael Stavarič. Auf den ersten Blick offenbart sich ein gleichförmig wie gleichmütig gestimmtes Einerlei – die Litanei – als eine glänzend geschriebene Aufzählung von Welt – allem voran Europa. Die Litanei ist hierbei kein Lamenti, sondern eine Inventur all der Zustände, die Menschen sich erschaffen haben, das selbst gemachte Aufgebot eines So-ist-es.

Zugleich verfasst Stavarič mit seiner Litanei eine Art der anderen Geschichtsschreibung: ein großer Gesang beziehungsweise Abgesang auf die eurozentrische Kultur, in dem nicht die Heldentaten, bedeutsamen Erfindungen und errungenen Siege der Geschichte im Blickpunkt stehen, sondern die Unzahl flottierender Meinungen, Vorurteile, Redeweisen wie auch Skurrilitäten. Die Kette der Assoziationen bettet Stavarič in einen Strom von Geschichten, die zu einer erstaunlichen Lese-Expedition in die Tiefen der Oberflächlichkeit menschlichen Geschwätzes verführen.


Das Geschwätz der Menschen

Die ungebrochene Präsenz, mit der sich das kommunikative Medium des Geredes an Beliebtheit erfreut, wirkt auch in der Litanei, wie Stavarič sie betreibt, gemeinschaftsstiftend. Und stellt vor allem eines in Aussicht: das endlose Generieren ihrer selbst. Sollte man es da nach 2500 Jahren Denkgeschichte als Trost oder Verzweiflung sehen, dass schon Platon sich über das endlose leere Geschwätz der Menschen beklagte? Wie dem auch sei, reden und Geschichten erzählen gehört zur Natur des Menschen, und in der Natur der Litanei liegt es, kein Ende zu nehmen. Sie bietet sich daher als literarische Gattung förmlich dazu an, stetig neu- und fortgeschrieben zu werden. Stavarič hat das im vorliegenden Buch gemacht, indem er sein Prosa-Debüt von 2005 überarbeitet, gekürzt, modifiziert und um viele gänzlich neue Passagen bereichert hat. Der umfangreich veränderte Text ist nun in einer schönen Hardcover-Ausgabe erschienen.

Der Kunstfertigkeit von Michael Stavarič gelingt es, die Litanei als ein Gesums auf hohem Niveau nicht bloß in eine literarisch vergnügliche und ironische Form zu gießen, sondern mehr noch in eine fühlbare Rhythmik und Arithmetik der Sätze. Die Notation der Worte entfaltet einen präzise kalkulierten Wohlklang, wie man ihn von Stavarič gewohnt ist. Zuletzt bewies er sein rhythmisches Können in seinem Roman „Böse Spiele“.

„Europa. Eine Litanei“ gelingt es durch seine Ästhetik, in einen Sog von Aufzählungen und Geschichten hineinzureißen, die rauschhaft nach ihrer Fortsetzung verlangen, weiter und weiter immer so weiter lesen zu wollen: wie gute Musik auf Repeat gestellt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)