Der politisch umstrittene Dichter beim dichtenden Serbenführer: Eine neue Biografie dokumentiert eine außergewöhnliche Begegnung.
Wer wird nicht einen Handke loben? Radovan Karadžić zum Beispiel machte das, er schätzt dessen schriftstellerische Arbeit: „Was ich am meisten an Peter Handke bewundere, ist die Tatsache, dass er ein unabhängiger Denker ist“, verriet der vom Internationalen Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien in Den Haag inhaftierte, wegen Kriegsverbrechen angeklagte bosnische Serbenführer dem Magazin „Profil“. Der Dichter blicke hinter Medienkampagnen, um die wahre Situation zu ergründen.
Dazu reist der Schriftsteller, der sich mit seiner eigenwilligen Interpretation der jugoslawischen Geschichte einige Feinde gemacht hat, gelegentlich sogar ins winterliche Serbien oder Bosnien. Und einmal hat er dabei, wie eine neue Biografie von Malte Herwig enthüllt, sogar Karadžić getroffen, im Dezember 1996 in Pale, kurz vor dessen Flucht, als Karadžić nicht mehr Gesprächspartner für Diplomaten, sondern ein per Haftbefehl gesuchter mutmaßlicher Massenmörder war. „Man will die Geschichte ja verstehen, also geht man hin. Das würde ich jederzeit wieder machen“, sagt Handke laut Vorabdruck aus „Meister der Dämmerung“ (DVA) in der „FAZ“.
Bevor aber in den feinsten Feuilletons Geheul darüber einsetzt, dass ein naiver oder gar bornierter Dichter sich von einem Monster instrumentalisieren lässt, bevor darüber gehöhnt wird, dass die beiden einander höflich Bücher überreichten („Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ der eine, Gedichte der andere), dass sogar ein Hegel-Experte bei der Zeremonie dabei war, sollte man rasch noch ein historisch unscheinbares Detail erwähnen; Handke suchte ganz offenbar aus hehren, völlig uneigennützigen Motiven die Begegnung mit Karadžić. Er wollte etwas über das Schicksal bosnischer Muslime bei Srebrenica erfahren. Zwei ihrer Verwandten, die er aus Salzburg kannte, hatten ihn darum gebeten.
Das Schicksal dieser Vermissten wurde laut Handke nicht geklärt, aber aus dieser Episode kann man lernen, wie differenziert er über die Geschichte denkt. Er will Aufklärung. Dafür wenigstens und für seine ganz persönliche humanitäre Mission sollten Handke sogar jene loben, die ihn sonst für einen weltfremden Quertreiber halten, Und auch jene, die lieber freiwillig den gesamten Klopstock lesen als „Mein Jahr in der Niemandsbucht“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)