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Coming Attractions: Film-Muttergottes mit Trockenhaube

Coming Attractions FilmMuttergottes Trockenhaube
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Die preisgekrönte, aus Werbungen arrangierte Arbeit des Wiener Avantgarde-Virtuosen Peter Tscherkassky hat Österreich-Premiere. Tscherkassky erzählt über Kino und Komik, Material und Gedächtnis, Pop und Persil.

Nicht zuletzt einer Karambolage ist es zu verdanken, dass Peter Tscherkasskys eben bei den Filmfestspielen Venedig preisgekrönter 25-Minüter Coming Attractions entstanden ist. Ein Bekannter hatte ihm Bananenkisten mit sechs Stunden Werbefilmmaterial aus einem Firmenkonkurs vermacht. Beim Heimtransport krachte Tscherkassky eine Frau ins Auto – und zerrte ihn prompt vor den Kadi. Das Urteil fiel zwar klar zu seinen Gunsten aus, der Filmemacher erinnert sich, dass der Sachverständige nur meinte: „Wenn alle Fälle so eindeutig wären, hätten wir nichts zu tun.“ Aber der Aufwand mit Gerichtsterminen und dem ganzen Drumherum ärgerte Tscherkassky so sehr, dass er beschloss: „Ich muss mit dem Material was machen, sonst wäre alles umsonst gewesen.“

Das Resultat wurde der bisher längste Film des österreichischen Avantgarde-Virtuosen, der mit seinen in der Dunkelkammer hergestellten Bearbeitungen von fremdem Filmmaterial zu einem der international renommiertesten Experimentalfilmer geworden ist.

 

„Vieles war einfach irre lustig“

Seine kraftvollen Kinokompositionen gipfelten in global gefeierten Arbeiten wie Outer Space (1999): einem flackernden Materialgewitter mit psychoanalytischen Untertönen, destilliert aus dem Horrorfilm The Entity mit Barbara Hershey. Oder Instructions for a Light and Sound Machine (2005), eine rasende Relektüre von Sergio Leones Italowestern-Klassiker Zwei glorreiche Halunken „als griechische Tragödie“: Filme, die eigenständige sinnliche Erfahrungen boten, während sie ganze Kinokonzepte zugleich de- und rekonstruierten.

Beim neuen Film war die Fülle des Ausgangsmaterials eine Herausforderung, sagt Tscherkassky: „Ich arbeite lieber mit weniger, da kann man fokussieren.“ Im Gegensatz zu den aus Spielfilmszenen arrangierten Vorgängerfilmen gab es vor allem „keine Story, die du im Kopf hast. Das Gehirn merkt sich die Einstellungen dazu – wie aufgenommen und eingespeichert: Wenn ich mich in der Dunkelkammer durch die einzelnen Kader arbeite, fällt mir ein, was schon da ist. Weil eben das Gedächtnis über die Geschichte funktioniert.“ Also schaute sich Tscherkassky das Material immer wieder an: „Vieles war einfach irre lustig. Ich fragte mich: Kann man dem überhaupt noch etwas hinzufügen? Alles so zu lassen, wie es war, ging aber nicht: Das hatte ja Peter Kubelka 2003 in Dichtung und Wahrheit gemacht! Wobei es für mich auch eine Rückkehr ist: Vor 25 Jahren machte ich meinen ersten Dunkelkammerfilm Manufraktur aus Werbung.“

Schließlich fand Tscherkassky einen Weg: „Das Material ist der Lehrer. Jedes Materialstück hat seine eigene Behandlung, als hätte es sich das gewünscht. Man muss halt lang genug darüber nachdenken, dann fängt das Material zu flüstern an. Irgendwann hört man laut und deutlich, was es möchte.“

 

Ein Heiligenschein für das Model

So zeigt eine der absurdesten Szenen von Coming Attractions ein Model, das mit einer aufblasbaren Plastiktrockenhaube posiert und aus unerfindlichen Gründen mit einem Saxofon hantiert. Dazu gibt es eine zweite Szene ohne Saxofon: „Die wollte in der Dunkelkammer bearbeitet werden: als ikonenhafte Muttergottes mit einer Art Heiligenschein. Am Anfang der Einstellung sieht man nur ihren Kopf und die Haube – wohl, um die Bewegungsfreiheit zu demonstrieren. Erst später, wenn der Abstand zu ihr größer wird, erkennt man, was das wirklich ist. Mehr habe ich davon auch nicht bearbeitet, dann hat man den Witz ja verstanden.“

Coming Attractions besteht aus elf Kapiteln, in denen Tscherkassky die Werbungen auf unterschiedlichste Art zu kleinen Bildgedichten verarbeitet: Im Eröffnungskapitel blickt und deutet eine Frau immer wieder einladend auf die linke Bildhälfte, wo Tscherkassky die kommenden Szenen durchlaufen lässt. Sie warb eigentlich für Auer-Baumstämme, aber Tscherkassky hat alle Markennamen entfernt. Bis auf Persil, ein Spot, in dem der bekannte Weiß-Test mit gegen das Licht gehaltener Wäsche absolviert wird. „Da dachte ich mir, das erkennt man sowieso“, meint Tscherkassky – ein Armaturenhersteller ist ihm außerdem „durchgerutscht: Das war so klein, das konnte man am Schneidetisch nicht erkennen, ich sah es erst in der Großprojektion – zu spät!“

 

Ein Traktorfahrer trifft Pasolini

Als Leitfaden der Arbeit diente die Dreiecksbeziehung von Avantgarde, frühem Kino und Werbung mit ihren verwandten Blickverhältnissen. „Dabei hab ich's von vornherein als Komödie angelegt.“ So läuft ein Strumpfhosenmodel wie in einer absurden Endlosschleife dieselbe Strecke ab oder tritt ein vorfreudig grinsender Traktorfahrer in komischen Blickkontakt – mit Figuren aus Pasolinis Erotische Geschichten aus 1001 Nacht.

Wie bei den mit Wortwitz auf Kino, Kunst und Musik anspielenden Kapitelüberschriften sind Reverenzen für Tscherkassky aber nur Überbau: Wichtig ist, dass der Film auch ohne Zusatzwissen funktioniert. Ein Untertitel wie „My Wife in the Bush of Hosts“ ist aber wohlüberlegt: „Ich liebe die Platte ,My Life in the Bush of Ghosts‘ von Brian Eno und David Byrne. Doch entscheidend war, dass das auch gefundene Musik ist, samt Werbung: wie die Prediger mit ihren Spendenaufrufen.“ Andererseits: In dem Kapitel sieht man ein laufendes Model – „und da hab ich schon Rückmeldungen bekommen, wie hübsch meine Frau ist!“

Zur Person

Peter Tscherkassky (*1958, Wien) ist einer der global renommiertesten Experimentalfilmer. Er begann Ende der 1970er Filme zu machen, war auch als Autor und Kurator zum Avantgarde-Kino tätig und einer der Mitbegründer des einschlägig spezialisierten heimischen Verleihs Sixpackfilm. Werke wie seine „CinemaScope-Trilogie“ (1997–2001) wurden weltweit gefeiert.

„Coming Attractions“ erhielt eben den Kurzfilmpreis der Kinomostra Venedig. Österreich-Premiere: heute, 15.30 Uhr, im Wiener Gartenbau als Teil eines Kurzfilmprogramms. [sixpackfilm]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)