Meditieren über Birken und Fichten, Wodka kosten, Boeuf Stroganoff essen, an Orten halten, die erfreulicher sind als ihr Name: Mit dem „Zarengold“ unterwegs von Moskau bis zum Baikalsee.
Der Marsch vom Bett zum Boeuf Stroganoff dauert ungefähr eine Viertelstunde, erstreckt sich auf eine Distanz von circa 250 Metern und erfordert Dutzende Male Klinkendrücken, zigmal Waggontür auf, Waggontür zu, an Mitpassagieren anstreifen, Bauch einziehen, Entschuldigung oder Hallo sagen. Mit Fortschreiten der Reise immer öfter in eine Plauderei verwickelt werden.
„Faszinierend draußen, nicht wahr?“, gesteht man sich dann gegenseitig ein. Dieses Nichts. Diese vielen Bäume. Diese kleinen, wie zufällig hingestreuten Dörfer. Die Schnitzereien an den Holzhäusern. Die unbefestigten, matschigen Straßen. Die Flechten. Die Moose. Der Permafrost. Die oberirdischen Leitungen. Die sozialistischen Industrieruinen. Die dicken Flüsse. Die wenigen Menschen.
Man spricht dann von der westsibirischen Tiefebene, in die man eingedrungen ist, ohne den Ural großartig bemerkt zu haben. Die Route des „Zarengold“-Sonderzuges führt ab Moskau über die flachste Stelle dieses alten, an Bodenschätzen so reichen Gebirges. Das haben die Fahrgäste bereits im Bordvortrag via Lautsprecher detailreich erfahren.
Der Weg zum Bad dauert nur drei Minuten, nur wenige Zugabteile weiter. Die Laune, in der man ihn beschreitet – Pyjama, Schlapfen –, ist eine andere. Man ist noch nicht bereit für russischen Tee, Blinis und Frühstückskonversation über die Rolle der Kosaken bei der Erschließung Sibiriens, die letzten Tage der Romanows oder die viele Kohle aus dem fetten Ölgeschäft in Tatarstan. Es drängt vorerst das Lapidare: Ist die Dusche noch besetzt? Hat sich ein Waggonfremder in die Liste, die einem eine gute Viertelstunde Morgenhygiene gewährt, hineingemogelt? Reicht das heiße Wasser? Doch keine Bange: Derlei Dinge regeln sich in einem Sonderzug voll deutschsprachiger Touristen, wie der ehrwürdige „Zarengold“ einer ist, mitunter von allein. Auch diesmal formiert sich eine Art selbst ernannte Passagiermiliz und wacht über das Wohlverhalten der anderen Mitreisenden.
Gestandene Reiseführerinnen, wie die Germanistin Katja aus Kasan, nehmen so viel Eigenregie ihrer Schützlinge professionell gelassen. Schaffner wie die nette strohblonde Svetlana oder der stets zu Scherzen aufgelegte Nikolai tragen's mit Humor. Wie viele Passagiere haben sie in dieser Zuglegende schon von Moskau nach Peking, von Peking nach Moskau begleitet, ihnen das Bett in der Früh weggeräumt und abends wieder hergerichtet, ihnen mitternachts einen Tee aufgebrüht, sie zwischenzeitlich mit Keksen versorgt und geduldig Modell für Urlaubsfotos gestanden?
Weg, Zeit, Ziel
Kleinkrämerei? Rituale zwischen Passagieren, Reiseleitern und Zugpersonal bestimmen automatisch den Alltag, wenn man sich über lange Zeit und lange Strecken die Infrastruktur teilt. Das heißt Bad und WC, wenn man nicht zu jenen gehört, die sich ein Luxusabteil mit voller Ausstattung gönnen, das übrigens den Restaurantwaggons am allernächsten liegt. Weg ist Zeit in dem einen halben Kilometer langen Zug. Und der Weg ist das Ziel dieser Reise, Stationen wie Irkutsk, Ulaan Baatar, Peking hin oder her: Die meisten Stunden dieser Tour quer, nein längs durch Sibirien und vom Baikalsee weiter in die Mongolei nach China verbringt man schließlich auf dem Gleis und nicht mit Landgängen in unerwartet interessanten Städte wie Jekaterinburg oder Nowosibirsk. Das macht Zugreisen einer Kreuzfahrt sehr ähnlich.
Meditative Wirkung
Zusätzlich besteht gerade auf der Etappe durch Russland nicht einmal ein rasend großer Unterschied, was die Wirkung der Kulisse betrifft: meditativ. Wie das Meer ein Gefühl von unendlicher Weite vermittelt, erzeugt auch die verdichtete Abfolge von Fichten und Birken und Fichten und Birken einen zeitauslöschenden Effekt. Als wäre ein riesiger Taiga-Teppich zwischen dem Ural und dem Baikalsee aufgerollt und die Zeit daruntergekehrt worden. Jeden Tag bittet einen der Aushang am Gang, den Stundenzeiger weiter nach vor zu stellen. Jede Nacht frisst sich der Zug durch ein Budget von kaum fassbaren Tausenden Kilometern. Jeden Tag fährt man in Sibirien klimatisch ein Stück im Kalender zurück. Am Baikalsee sprießen noch nicht einmal die Bäume, wenn alles in Sandalen über den Roten Platz flaniert.
Ein Korridor aus Grünzeug beherrscht den Blick aus dem Fenster, wenn man sich nur weit genug von Moskau – und den Waldbrandherden vom Sommer – entfernt hat. Fast niemand empfindet die Aussicht als monoton, sondern als entspannend. Man pickt förmlich am Fenster, zurückgelehnt im Abteil, ein Buch in der Hand, das man nicht schafft fertigzulesen, weil die Fahrt viel zu schnell vergeht. Die Bordvorträge sind bei aller Informationslast spannend. Manchmal kommt Besuch vorbei.
Und einmal pro Tag bekommen die Beine weiteren Auslauf als den langen Marsch zum Frühstück, zum Dinner, zur Tee- oder zur Wodkaverkostung. Dann heißt es grüppchenweise die von Tag zu Tag wohliger erscheinende Abteil-Höhle zu verlassen. Der „Zarengold“ macht an einigen Orten Halt, von denen der Mitteleuropäer wenig weiß. Krasnojarsk etwa – die mittelsibirische Metropole und Verkehrsdrehscheibe war während des Kommunismus gesperrt. Es gibt heute noch Sektoren, die tabu sind, weil Sitz von geheimer Industrie und Forschung. Das hügelige Umfeld macht Krasnojarsk ansehnlicher als andere Stopps auf der Strecke, die im Flachland liegen: Im Hintergrund schimmern die Ausläufer des Sajan-Gebirges und im Vordergrund der Jenissej, dessen Tal fast zwei Kilometer breit ist. Wie aufgeräumt wirken die Einkaufsstraßen; künstliche Blumenranken an den Laternen und Musikbeschallung sollen die Leute auch bei Kauflaune halten, wenn die Temperaturen zweistellig unter null fallen. Hier wird Geld durch die Straßen gepumpt, man erkennt's am erhöhten Aufkommen von fetten SUVs und Size-zero-Trägerinnen.
Ob der Sonderzug in Krasnojarsk stehen bleibt, hängt allerdings vom allgemeinen Fahrplan ab. Die Züge auf der transsibirischen Eisenbahnroute müssen sich arrangieren. Nicht überall kann gehalten werden, denn der Linienzug geht klarerweise vor. Manchmal kommt der Halt unvermutet, mitunter darf man kurz aussteigen. Nur keinen Wodka am Bahnsteig kaufen, wird einem geraten.
Schnitzerei und Schaschlik
Ein Job von Valentina ist, „Zarengold“-Touristen durch Irkutsk und zum Baikalsee zu führen, ihnen in lupenreinem Deutsch die Schönheiten der für sibirische Verhältnisse alten Stadt zu erklären: die schönen, aber renovierungsbedürftigen Holzhäuser mit ihrem geschnitzten Dekor. Die fantastischen Kirchen mit ihrem goldenen Zierrat, wie sie überall an der Magistrale in den Fernen Osten stehen. Den breiten, wilden Strom – die Angara. Wenn sie denn so viel gesellschaftliche Realität auf ihrer Urlaubsreise hören wollen, erzählt Valentina den Passagieren aber auch vom Irkutsker Alltag. Sie, die Akademikerin, die an der Uni lehrt und doch jeden Job annehmen muss, um ihre Familie über Wasser zu halten. „Sibirien leidet unter massiver Abwanderung. Die Bewohner der sibirischen Dörfer wandern nach Irkutsk. Die Leute von Irkutsk gehen nach Moskau. Die von Moskau ins Ausland.“
Doch an den nahen Baikalsee kommen dann die, die es geschafft haben. An Wochenenden besuchen sie ihre Datschas in einem hübschen Dorf wie List-wjanka. Da sitzt man dann staunend an den Ufern des tiefsten Gewässers der Welt, heizt den Griller an, legt Omul-Fisch und Schaschlik-Spieße drauf. Und aus den Boxen dröhnt Baikal Jackson.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2010)