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Randerscheinung

Nachteulen und Wecker

Carolina Frank
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Die arme Nachteule in mir muss wohl noch eine Weile da­rauf warten, bis sie entdeckt wird.

Manche Einsicht kommt recht plötzlich. „Vielleicht bin ich ja doch eine Nachteule“, sagt der Mittlere und schaut dabei überrascht-beschwingt. Wie man eben schaut, wenn man an sich eine unerkannte, aber irgendwie spannende Seite ­entdeckt hat (wobei ich jetzt nicht so ohne Weiteres sagen könnte, wann das bei mir das letzte Mal der Fall war). Der Sohn hat nämlich zehn Stunden am Stück geschlafen, ist ohne Wecker um neun Uhr aufgewacht und hat sich wie neugeboren gefühlt: „Ich war einfach ausgeschlafen, wollte gleich aufstehen, normalerweise drücke ich ein paar Mal auf Snooze und bleibe noch eine halbe Stunde liegen.“ Der Älteste brummt nur: „Was, du snoozt? Das ist ja uncool“, und: „Man kann im Kapitalismus aber nicht zehn Stunden schlafen.“ Seine Erfahrung mit dem Lernen und allem, was sonst noch so am Tag zu bewältigen ist, lehrt ihn nämlich, dass mehr als sieben Stunden Schlaf nicht drin sind.

Zum besseren Verständnis: Ohne Wecker wacht der Älteste erst irgendwann nach Mittag auf. Der Mittlere lässt sich davon wie üblich nicht die Laune verderben und entwirft munter seinen künftigen Tagesablauf: Bis neun oder zehn Uhr schlafen, ohne Wecker aufstehen, Uni beginnt ohnehin nicht vor Mittag. Und dafür am Abend einmal etwas länger machen. „Nach zwölf gehe ich nie schlafen, wenn ich nicht unterwegs bin.“ Und auch der Jüngste beginnt gerade seinen Rhythmus Richtung Nacht zu verschieben. Seine abendliche Minecraft-Session mit den Bau-Freunden endet erst deutlich nach dem Netflix-Abenteuer seiner Eltern. „Aber spätestens um elf Uhr gehst du ins Bett, auch wenn morgen frei ist“, sage ich müde, bevor ich die Tür hinter mir zumache. Die arme Nachteule in mir muss wohl noch eine Weile da­rauf warten, bis sie entdeckt wird. 

 

 

("Die Presse Schaufenster" vom 19.11.2021)