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Serie

"Dopesick" über Amerikas Opioidkrise: So simpel, dass es schmerzt

Kaum zu glauben, was der Pharmavertreter (Will Poulter) dem Arzt (Michael Keaton) erzählt.Disney+ / Antony Platt
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Wie wurden Millionen Menschen von Schmerzmitteln abhängig? Die Antwort von Disney+ ist billige Kolportage mit teurer Besetzung.

Ein Hausarzt im Kohlerevier der Appalachen. Das harte Leben der Bergleute, voller Entbehrungen und Schmerzen, auch körperlichen. Ein geschleckter Pharmavertreter, der ein neues Mittel anpreist: Oxycontin, das erste Opioid, das angeblich nicht abhängig macht. Es wirkt tatsächlich Wunder, anfangs. Die Dosen steigen, die Sucht setzt ein. Und schon überfallen junge Dealer die ersten Apotheken auf der Suche nach Stoff.

Wie konnte es passieren, dass Amerika ab 2000 in die Opioidkrise geschlittert ist, mit bisher 450.000 Toten durch Medikamentenmissbrauch und weiter steigenden Opferzahlen? Wie kann es sein, dass in der Nation mit der weltweit besten medizinischen Forschung deshalb die Lebenserwartung sinkt? Wie konnten Aufsicht, Pharmafirmen und Ärzte so kläglich versagen? Das sind spannende Fragen, gerade für Europäer, die damit wenig vertraut sind. Es gibt dazu bereits einige Dokumentationen und Filme.

Aber da wäre sicher noch gut Raum für eine fiktionale Serie, die sich acht einstündige Folgen lang Zeit lässt, die Genese der selbst verschuldeten Epidemie in allen Facetten auszuleuchten. Man durfte sich also einiges erwarten von „Dopesick“, einer der ersten „ernsten“ Serien-Eigenproduktionen aus dem Disney-Universum, die mit Michael Keaton als Hausarzt zudem einen Star als Hauptdarsteller bieten kann. Aber ach, die Macher (Idee und Produktion: Danny Strong, Regie: Berry Levinson) lassen ihm keine Chance, mehr zu sein als herzensgut und engelsgleich.

So plump läuft es wohl nicht ab

Auch den Rest des moralischen Feldes haben sie schon nach 20 Minuten so klar abgesteckt, dass kein Millimeter Raum für Nuancen bleibt: Die Familie des Pharmakonzerns Purdue ist grenzenlos gierig, ihre Verkäufer kennen keinerlei Skrupel, die Kontrollore sind korrupt bis in die Knochen, die Ärzte zu gutgläubig für diese böse Welt. Und die Ermittler? Sie wirken anfangs machtlos, um später umso glänzender zu obsiegen, trotz aller privaten Probleme, die sich über den ganzen Plot mitschleppen.

Worauf also noch viele Folgen warten? Nur noch darauf, wie mit jeder Episode (wir stehen auf Disney+ bei Nummer Drei) Figurenzeichnung und Dialoge immer mehr ins Kolportage- und Karikaturhafte kippen – und damit ins unfreiwillig Komische, dem tragischen Thema zum Trotz. Auch der Laie ahnt: So plump läuft es nicht ab, wenn Firmen Strategien entwickeln, wenn sich Pharmareferenten schulen lassen und Ärzte von ihnen Informationen holen. Wir lernen nach dem Ausschlussprinzip: So war es jedenfalls nicht. Und warten auf eine bessere Serie.[RZJOP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2021)