Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Unterwegs

Tom Stoppards „Leopoldstadt“

Purimfest 2016 in Stamford Hill
Purimfest 2016 in Stamford Hill(c) imago/robertharding (imago stock&people)
  • Drucken

„Leopoldstadt“: Tom Stoppards neues Stück erzählt, was in Wien zerstört wurde und – manchmal wenigstens – in London Zuflucht fand.

Im Norden der Weltmetropole London befindet sich ein kleines ostjüdisches Schtetl. Wenn man in Stamford Hill das Geschäft von Mesoiroh Books betritt, glaubt man in die großartige Netflix-Serie „Shtisel“ gestolpert zu sein. Der Karmel-Supermarkt verkauft koschere Produkte mit dem Versprechen „Geschmack und Tradition“. Vor der Lubawitscher-Mädchenschule lässt ein nach orthodoxer Sitte gekleideter Vater eine ganze Kinderschar aus seinem Auto aussteigen: „Das ist meine Antwort auf Herrn Hitler“, sagt er beim Wegfahren.

Aus ganz Europa fanden einst Juden hier Zuflucht. Auch aus Österreich. Hier setzt der bekannte britische Dramatiker Tom Stoppard sein jüngstes Stück „Leopoldstadt“ an, das im Londoner West End – ungeachtet Covid-19 – monatelang für ausverkaufte Ränge sorgte und eine jüdische Wiener Familie in Etappen durch die Periode 1899 bis 1955 begleitet.

„Beschneidung und Taufe innerhalb einer Woche!“, frohlockt Großmutter Emilia, die unbestrittene Materfamilias, im ersten Akt über die Initiationsrituale ihres jüngsten Enkelsohns, und fügt anerkennend hinzu: „Und beide Male hat er geheult.“

Doch der Traum von Emanzipation, Gleichberechtigung und Anerkennung der Juden erfüllt sich nicht. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wird ihnen nicht für ihren Kampf Seite an Seite mit anderen Untertanen des Kaisers gedankt, sondern werden sie zu Sündenböcken gestempelt. Die Verbindung aus Bosheit und Dummheit erweist sich als ebenso unaufhaltsam wie verhängnisvoll. Das letzte Wort des Stücks lautet übrigens: „Auschwitz“.

aussenpolitik@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2021)