Der fromme Sex-Rebell

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Ein Muslim, der von wilden Orgien und kurzen Affären mit "weißen Frauen" fantasiert. Leïla Marouane schildert in ihrem Roman voll schwarzem Humor einen Mann der sich von der Tradition lossagt. Und versagt.

"Ringellöckchen, Kringellöckchen“: Noch immer kann Mohamed die Stimmen der Mitschüler hören, die ihn einst hänselten. Auch wenn er mittlerweile ein ganz anderer ist: Mohamed Ben Mokhtar, der algerische gottesfürchtige Einwanderer aus armer Familie, hat eine andere Identität angenommen: Für seine Arbeitskollegen ist er Basile Tocquard, erfolgreicher Banker, und für sie besteht gar kein Zweifel, dass Basile französischer Abstammung ist. Bleichcreme und ein behänder, lockenglättender Friseur tun ihr Übriges, um letzte Zweifel zu zerstreuen.

Mohamed-Basile hat allerdings ein großes Problem: Er ist 40 Jahre alt und noch immer Jungfrau. Und er lebt immer noch bei seiner Mutter, die ihn als ihren „Augapfel“ anbetet; in der Pariser Vorortwohnung muss er sich ein Zimmer mit seinem jüngeren Bruder teilen. Eines Tages fasst Mohamed, des Doppellebens leid, einen Entschluss: Er wird sich von seiner Familie lossagen, um die Frauenwelt zu erobern.

Aber nicht die von seinen Nächsten so ersehnte Eheschließung hat er im Sinn (auf die sein Bruder, der Zweitgeborene, ungeduldig wartet, um selbst heiraten zu können), sondern von kurzen, schmerzlosen Affären mit „weißen Frauen“ fantasiert er; Frauen will Mohamed, „die an die Pille und an Kondome gewöhnt“ sind, „die sich aus freien Stücken für die Ehelosigkeit entschieden“ haben und diesen Weg nun „voller Genuss und guter Laune“ beschreiten.


Allein im Bett. Der Titel von Leïla Marouanes Roman, „Das Sexleben eines Islamisten in Paris“, erinnert nicht zufällig an „Das sexuelle Leben der Catherine M.“. In diesem Buch berichtet die Kunsthistorikerin Catherine Millet von ihren sexuellen Eskapaden. Dem Hedonisten-Islamisten ist dies jedoch nicht gegönnt. Seine Aufrissversuche enden mit Absagen, gehauchten Küssen, allerhöchstens Fummeleien. Allzu oft bleibt ihm nichts anderes übrig, als seinen Sexualdruck selbst abzulassen. Eigenhändig, im Badezimmer.

Marouane, die selbst aus Algerien stammt und aus politischen Gründen nach Frankreich kam, entwirft eine Handlung, die sich zunächst spaßig liest. Ihr Mohamed ist ein Zerrbild des idealen Muslim und ein Antiheld noch dazu: sympathisch seine Versuche, sich der totalitären Familie zu entziehen; unerträglich, wie die neu gewonnene Freiheit in nichts anderem als Frauenverachtung mündet. Doch hinter der Fassade von misogyner Gerissenheit ist er, das wird zusehends klar, zerrissen, unbeholfen, immer noch ein Muttersöhnchen. Seine Versuche, den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft mit multiplen Identitäten auszutricksen, sind nur bedingt erfolgreich.

Marouane karikiert in ihrem neuen Buch schonungslos und mit viel schwarzem Humor islamische Traditionen und Tabus: die allgegenwärtige Angst vor „Schande“; eine Mutter, die ihr Leben der Familie opfert; ein Vater, der dem Ideal des starken Familienoberhaupts nicht entsprechen kann. Da Mohameds Vater nicht gut Französisch kann, verleugnet ihn der Junge, wenn er von der Schule abgeholt wird, vor seinen Freunden als „Gärtner“.

Mohameds verzweifelter Befreiungsschlag endet im Fiasko: Am Ende entscheidet er sich für die Selbstbekehrung. Vor allem deshalb, weil er sich von einer Autorin verfolgt wähnt, die, wie er glaubt, ein Buch über seine Irrungen publizieren will. Loubna Minbar nennt sie sich, L. M., so wie Leïla Marouane.

Hier bringt Marouane, die in früheren Büchern vor allem Gewalt gegen Frauen thematisierte (zwei davon sind übrigens im Innsbrucker Haymon-Verlag erschienen), sich selbst ins Spiel: Eine kluge Finte, die einerseits ihre mitunter grenzwertige Rolle als „Öffentlichmacherin“ thematisiert, und gleichzeitig darauf verweist, was jemandem drohen kann, der so ein Sprachrohr ist: Mohamed schwört sich zu rächen; er will nicht der „Sultan von Saint Germain“ sein, so der mutmaßliche Titel von Minbars Buch. Dies ist der eigentliche Grund für die radikale Wandlung Mohameds. Er verschenkt seine teuren Möbel, gibt ein frommes Fest für 40 Pilger aus, verspricht Buße. Seine Familie kann den abermaligen Identitätswandel nicht begreifen. Ob die Stimmen im Kopf verstummen werden?

Loubna Minbar alias Leïla Marouane bekommt jedenfalls dennoch ihre Geschichte: „Ich danke ,Mohamed‘ für sein Vertrauen und für seine Offenheit“, lautet der Beginn des Romans.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2010)

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