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Mein Montag

Zauderer und Zögerer auf der Flucht in den Zynismus

Den Lockdown kann man zum Lesen nutzen.
Den Lockdown kann man zum Lesen nutzen.(c) imago images/Westend61 (Veam via www.imago-images.de)
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Eine alte Sage feiert dank Lockdown wieder ein fröhliches Comeback – die Absage.

Herzlich willkommen im nächsten Lockdown! Vielleicht geht es Ihnen ja genauso wie mir – ich habe mich in den Zynismus geflüchtet und darin behaglich eingerichtet. Immerhin habe ich jetzt schon mehr Lockdowns erlebt als Umzüge in eine andere Wohnung. Im heimeligen Schoß des wieder zum Home-Office umgewidmeten Wohnzimmers kann man in den kommenden Tagen ja ein bisschen lesen – vielleicht in einem Sagenbuch, besonders beliebt ist ja derzeit die Absage. Oder die vom Bundeskanzler so gern gebrachte Geschichte der Zauderer und Zögerer – wobei gerade Herr Schallenberg zuletzt auch vor allem durch Zaudern aufgefallen ist, ehe auch er in Richtung Lockdown geschwenkt ist. Nun, zaubern kann er offenbar auch nicht. Spannend ist allerdings die Herkunft des Wortes – die ist nämlich unklar. Möglicherweise kommt zaudern vom mittelniederdeutschen toven, was warten bedeutet. Aber so wirklich weiß man es halt nicht.

Zaudern wird übrigens im Wörterbuch mit zögern definiert. Schallenbergs Zauderer und Zögerer muss man also als tautologisch verstehen, als rhetorische Figur, bei der mit einer semantischen Redundanz gearbeitet wird. Im Gegensatz zum Zaudern weiß man allerdings beim Zögern, wo es herkommt – vom mittelhochdeutschen zogen nämlich, das mit dem Ziehen verwandt ist. Apropos ziehen, diese Coronapandemie zieht sich schon ziemlich. Wofür, wenn wir Schallenbergs Argumentation folgen, vor allem die Zauderer und Zögerer verantwortlich sind, die es vorgezogen haben, nicht in eine Impfstraße zu ziehen. Wobei der Zug ohnehin temporär wäre, ist ja nur ein schneller Stich. Einen Stich zu haben kann man allerdings auch anders verstehen, dass man eben nicht recht bei Verstand sei. Aber genug des Zynismus. Was haben Sie denn so vor im Lockdown? Zaudern und zögern Sie nicht, mir zu schreiben!

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2021)