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Mein Dienstag

Selbstloser Egoismus

Nicolas Cage in "Pig".Leonine Film
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Was dem Koch seine Gäste und dem Musiker seine Zuhörer sind, sind dem Journalisten seine Leser.

Es gibt da diese Szene in dem Film „Pig“ (2021) mit Nicolas Cage. „Ich erinnere mich an jedes Gericht, das ich gekocht habe. Und an jede Person, für die ich gekocht habe“, sagt Cages Charakter, Rob, zum Geschäftsmann Darius (Adam Arkin). Dieser hat Robs Schwein entführen lassen, mit dem er nach dem Tod seiner Frau allein in einer Waldhütte lebt. Gemeinsam suchen sie Trüffel, den er an einen Händler verkauft.

Früher war Rob ein Spitzenkoch, und Darius Stammgast in seinem Restaurant. Nachdem er ihm sein Schwein nicht zurückgeben will und auch noch damit droht, es zu töten, bereitet ihm Rob das Gericht zu, das er immer bestellt hat, wenn er mit seiner Frau bei ihm gegessen hat. Seit einem Suizidversuch liegt sie im Koma. Darius kostet das Essen und bricht brutal in Tränen aus, denn es erinnert ihn an sein früheres Leben. Und daran, was er verloren hat. Dann fällt besagter Satz.

Diese Szene ist so unfassbar stark. Mit einer einzigen Aussage offenbart Rob, warum er lebt, wie er lebt. Was Leidenschaft bedeutet. Wie wichtig Genuss ist. Und warum er nicht mehr bereit ist, Kompromisse einzugehen. In seinem Trüffelschwein hat er den perfekten Begleiter gefunden, um zu trauern und das Geschehene zu verarbeiten. Die Hingabe und Begeisterung, mit der er einst in seinem Restaurant gekocht haben muss, sollte der Anspruch von jedem in seinem Beruf sein.

Kann ich das für meinen behaupten? Nein, nicht für jeden Bereich. Aber für diese Kolumne schon. Ich erinnere mich an jede einzelne von ihnen. An jede Prämisse, jede Überschrift, jeden Einstieg, jede Pointe. Und an jeden Leserbrief – wie einen mehrseitigen handgeschriebenen von jemandem, der das Gefühl hat, mich nur aufgrund der Texte so gut zu kennen wie seinen besten Freund, und auf diese Kolumne wartet wie auf die neuesten Folgen seiner Lieblingsserie auf Netflix.

Reaktionen, die erahnen lassen, wie es sich anfühlen muss, wenn ein Koch ein Essen serviert und in den Augen seiner Gäste die glänzende Freude sieht, die er ihnen damit bereitet. Natürlich gelingt das nicht immer. Aber allein schon die Möglichkeit genügt als Antrieb.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com