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Väter in der Falle: Kind betreut, Job weg

(c) FABRY Clemens
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Männer, die eine Familie gründen und sich der Betreuung ihrer Kinder widmen wollen, bekommen oft massive Probleme am Arbeitsplatz: Diese reichen vom verhinderten Karrieresprung bis hin zur sofortigen Kündigung.

Paul M. wollte sich eben auf den Weg ins Krankenhaus machen, als ihn sein Chef bat, noch rasch bei ihm vorbeizuschauen. Paul M., 43, ist verheiratet, Vater zweier Kinder und im mittleren Management eines asiatischen Autokonzerns tätig. Seine fünfjährige Tochter leidet an einem seltenen und besonders schweren Fall von Nierenkrebs. Seit eineinhalb Jahren kämpft sie bereits um ihr Leben. Noch vor wenigen Wochen hatten die Eltern gedacht, sie sei über den Berg, als die Hiobsbotschaft kam, der Krebs sei neuerlich ausgebrochen und eine weitere Operation nötig.

M. dachte, sein Chef wolle ihm viel Glück für die Operation des Kindes wünschen. Doch der teilte ihm lapidar mit, dass er mit sofortiger Wirkung gekündigt sei. Ohne Begründung, ohne Erklärung. Wenige Tage zuvor hatte ihm noch der Präsident des Konzerns seines Mitgefühls versichert und dass er für seine Tochter bete. Die Kündigung, die später mit Nichterreichen von Zielen begründet wurde, traf M. ohne Vorwarnung. „Am meisten wütend gemacht hat mich diese Scheinheiligkeit des Mitgefühls.“


Härte und Kälte. „In Wahrheit gab es nur Desinteresse, Härte und Kälte.“ Dabei habe er in der Zeit der Erkrankung seiner Tochter alles getan, damit seine Arbeit nicht beeinträchtigt würde: Er engagierte eine Kinderschwester, die gesamte Familie sprang ein, um die Kleine zu den zahlreichen Behandlungsterminen zu bringen und abzuholen, da seine Frau in dieser Zeit das zweite Kind erwartete, er nahm bis auf einzelne Tage nicht einmal Urlaub. Und dann die Kündigung.

„Von der Firma, vor allem von den Kollegen, kam keinerlei Unterstützung. Sie haben nicht einmal das Telefon abgehoben, wenn ich im AKH bei meiner Tochter und unerreichbar war“, erzählt M. Er habe seinen ehemaligen Arbeitgeber zwar verklagt, aber einen neuen Job zu finden sei schwierig. „In der Branche kennen sich ja alle, und die wissen von meiner privaten Situation.“

Paul M. ist ein extremer Fall, doch zeigt er eine Tendenz auf: „Es ist generell so, dass Väter, die sich in der Kinderbetreuung engagieren, von Unternehmen nicht positiv gesehen werden“, sagt Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer.

Dass sich das Kinderkriegen für Frauen oft negativ auf die berufliche Situation auswirkt, ist bekannt und leider üblich. Väter stoßen auf noch weniger Verständnis, wenn sie sich in irgendeiner Form familiär engagieren wollen. Einige typische Beispiele: Samuel P., 27, arbeitet als Programmierer bei einer IT-Firma. Als er zum zweiten Mal Vater wird, kündigt er seinem Arbeitgeber an, vielleicht in Karenz zu gehen. Bald darauf wird er gekündigt und arbeitet als vom Arbeitsmarktservice geförderte Kraft für die Firma weiter. Die Zusicherung seines Chefs, ihn bald wieder einzustellen, hält dieser nicht ein. Nun hat sich P. selbstständig gemacht und wird in einem Jahr in Väterkarenz gehen.

Markus W., 43 und im mittleren Management eines internationalen Konzerns tätig, erwähnt seinem Chef gegenüber, dass er daran denke, in etwa einem Jahr in Karenz zu gehen. Bald darauf wird er unter einem anderen Vorwand gekündigt. Josef B., 36, Controller in einer Gesundheitsmanagement-Firma, meldet bei seinem Chef, mit dem ihn ein fast freundschaftliches Verhältnis verbindet, an, in Karenz gehen zu wollen. Die Reaktion: „Du kannst gern in Karenz gehen, nur kannst du dann gleich einen anderen Job suchen!“ Für Expertin Moritz eine typische Aussage. „Es gibt noch immer einen Bruch in unserer Kultur. Wenn Väter in Karenz gehen, hat das eine andere Signalwirkung.“ Männer stoßen auf weniger Aufgeschlossenheit, wenn sie in Karenz gehen wollen.


Mann und Karenz. Das belegen auch die Zahlen: Laut neuester Statistik (Juli 2010) waren nur knapp fünf Prozent der Bezieher von Kinderbetreuungsgeld Männer. Interessant ist auch die Reihung nach Berufsgruppen: Am höchsten ist der Anteil an Vätern in Karenz bei Selbstständigen (23,7 Prozent) und Bauern (21,3 Prozent), gefolgt von Notstandshilfebeziehern und Beamten mit jeweils knapp über zehn Prozent. Schlusslichter sind die Angestellten: In der mit Abstand größten Berufsgruppe gibt es die wenigsten männlichen Karenzgeldbezieher.

Dies lässt den Schluss zu, dass Männer, die nicht vom guten Willen eines Chefs abhängen, wie etwa Selbstständige, Bauern und Beamte, überproportional häufiger in Karenz gehen als jene, die Konsequenzen befürchten müssen: Die Karriereaussichten sind dahin, der Aufstieg wird verhindert oder es geht gar der Job verloren. „Das führt oft dazu, dass Männer sagen, dann lasse ich es“, berichtet Moritz aus der Beratungspraxis der AK.

Doch oft genügt es schon, nicht immer verfügbar zu sein. Ein typisches Beispiel: Erik V., 34, arbeitet an seiner Karriere bei einem internationalen Konzern. Er geht nach München, weil ihm dort ein Karrieresprung versprochen wird. Seine Frau bleibt in Wien, er pendelt am Wochenende nach Hause. Nun wird er bald Vater und sein Chef hat ihn wissen lassen, dass den ihm versprochenen Führungsjob ein anderer bekommen wird. Dabei hat V. bisher weder Karenz noch Elternteilzeit angemeldet, aber er ist durch seine neuen familiären Verpflichtungen nicht mehr rund um die Uhr verfügbar. Und das genügt als Karrierehemmnis.

„Das Problem ist oft die Betriebsstruktur“, sagt Irene Holzbauer, Leiterin der arbeitsrechtlichen Abteilung der AK. Sie habe Verständnis, dass es bei Klein- und Kleinstbetrieben schwierig sei, Karenz und Teilzeit zu organisieren. Anders sei jedoch die Lage bei internationalen Konzernen. „Die haben extreme Vorgaben, die Töchter stehen sehr unter Druck und damit auch die Arbeitgeber.“

Holzbauer ortet auch rechtliche Lücken, die es Vätern schwerer machen, etwa bei der Pflegefreistellung. Denn für die ist ein gemeinsamer Haushalt notwendig. Leben die Väter getrennt vom Kind, können sie keine Pflegefreistellung beantragen. Auch gilt sie nur bei leiblichen oder Adoptivkindern, Patchworkfamilien sind nicht erfasst. „Diese Regelung bildet die Lebensrealität nicht mehr ab.“


„Einzelfälle“. Auf Unglauben stößt man mit der These von den gravierenden beruflichen Problemen von Vätern mit dem Wunsch, Betreuungspflichten zu übernehmen, bei der Industriellenvereinigung (IV). Hier könne es sich nur um Einzelfälle handeln, meint Christian Friesl, Leiter der Gesellschaftspolitischen Abteilung. Die IV arbeite derzeit mit dem Familienstaatssekretariat an einer Kampagne zur Väterkarenz. Nach den Vorstellungen von Familienstaatssekretärin Christine Marek (VP) sollten 20 Prozent aller Kindergeldbezieher Männer sein. „Wir wollen die Unternehmer auf die Möglichkeit der Väterkarenz aufmerksam machen, damit sie die Männer dabei unterstützen und sie nicht daran hindern“, meint Friesl.

Wie viele Männer sich vom Wunschnach Karenz abbringen lassen, darüber gibt es keine Zahlen. Die AK untersuchte dies bei der Elternteilzeit. Ergebnis: Sie wird hauptsächlich von Müttern in Anspruch genommen, Väter nutzen sie nicht, wenn der Arbeitgeber negativ reagiert, obwohl sie einen Rechtsanspruch darauf hätten. „Männer sind viel aufgeschlossener als früher, sie wollen sich bei der Kinderbetreuung engagieren“, meint Moritz. „Wenn auch die Arbeitgeber offener werden, dann geht die Tür auf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2010)