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Oper

Das Passionsspiel? Unsere Realität!

Andrea Široká als Lenio, Andreáš Hoza als Nikolios in der klugen Inszenierung des Brünner Intendanten Jiří Heřman.Marek Olbrzymek
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Im Janáček-Theater in Brünn zeigt man Bohuslav Martinůs „Griechische Passion“. Sie lässt eine Flüchtlingstragödie brandaktuell wirken, gerade weil man sie ohne Regietheater-Schnickschnack und musikalisch exzellent erzählt.

Ist es ein Oratorium? Ist es eine dramatische Oper? Das ist hier nicht die Frage, denn es handelt sich um eine Parabel vom Menschsein, um die Glaubensfrage schlechthin. Um Gut und Böse ebenso wie um Schuld und Sühne. Das Bibelwort aus der Apostelgeschichte „Geben ist seliger als Nehmen“ zieht sich als Motto durch das vieraktige Werk „Řecké Pašije“ („Die Griechische Passion“) von Bohuslav Martinů.

Anhand eines Flüchtlingsdramas – kann es im Musiktheater eigentlich noch aktueller gehen? – wird in unzähligen Facetten der menschlichen Existenz demonstriert, dass das Zitat aus dem Neuen Testament nicht für alle gilt. Die eingangs gestellte formale Frage hat Martinů (1890–1959) in seinem grandiosen Spätwerk aus dem Jahr 1957 auf virtuose Weise selbst beantwortet: Er hat ein Oratorium in eine opernhafte Handlung eingebaut, die erschüttert.

Martinů hat dafür alle seine Kapazitäten mobilisiert: Er hat in Absprache mit Autor Nikos Kazantzakis (der auch „Alexis Sorbas“ verfasst hat) dessen Roman „Der wiedergekreuzigte Christus“ zu einem Libretto eingedampft und mit höchst eindringlicher Musik unterlegt.

Böhmische Tradition und Avantgarde

Bohuslav Martinů wird ja gern in der Schublade des sogenannten Klassizismus abgelegt. Diese simple Klassifizierung wird dem variationsreichen Stil des gebürtigen Ostböhmen allerdings kaum gerecht. Seine Musik riecht förmlich nach böhmischer Erde, in ihrem Kreislauf pulsiert vibrierend slawisches Blut. Sie ist rhythmisch aufgereizt im Wechsel zwischen geraden und ungeraden Takten – besonders in den Collagen von Vierer- und Fünferblöcken. Mit einem Wort: Die Folklore ist ebenso immer dabei wie dezente Modernismen im freitonalen Raum.

Weite Perspektiven strahlen stets mit – Martinů wurde in der Türmerstube der Dorfkirche von Polička (Bezirk Zwittau) geboren und genoss als Kind den Ausblick von dort oben. Die große böhmische Musiktradition klingt stets durch – er studierte bei Josef Suk, spielte Geige in der Tschechischen Philharmonie. Weltmännische Eleganz holte sich der rastlose Kosmopolit später bei Albert Roussel in Paris. Dem Kettenraucher ging das Komponieren leicht und locker von der Hand, was unschwer mitzuhören ist, wenn diese Musik attackiert und zu Herzen geht.

Zumal bei einem expressiven Sujet wie jenem der „Griechischen Passion“. Nach der Osterprozession werden in einem griechischen Dorf die Rollen für das nächste Passionsspiel unter den Bewohnern besetzt. Das provoziert bereits Tumulte. Dann strömen Menschen hinzu, die vor türkischer Bedrohung fliehen. Sie sind vollkommen mittellos, flehen um Unterstützung und Hilfe. Der Priester und die Dorfältesten verweigern sie, worauf sich ein Kampf zwischen Pro und Kontra entzündet, der alle Lebensbereiche betrifft: Liebe, Lust, Hochzeit, Betrug, Hass, miese Geschäfte, Mord und Totschlag.

Farbe und Tempo ins Geschehen bringen die Passionsdarsteller, die mehr und mehr Charaktereigenschaften ihrer Rollen anzunehmen scheinen. Das führt zu einem permanenten Vexierspiel der Persönlichkeiten: Der Hirte Manolios, der plötzlich Christus-Züge trägt, wird just vom Judas-Darsteller des Passionsspiels erschlagen. Schließlich ziehen die Flüchtlinge ab, das „Kyrie eleison“ auf den Lippen.

Ohne Fehl und Tadel gelang nun im Janáček-Theater die Neuproduktion des Nationaltheaters Brünn – und zwar in Bild und Ton. Das kompetente Sängerensemble scheint lückenlos belastbar. Zwei für alle: der versierte Bariton Peter Berger als Manolios und die ihm auch erotisch ausgelieferte Kateřina der dramatisch aufgeladenen Mezzosopranistin Pavla Vykopalová. Dazu schlagkräftige Leistungen von Orchester und – besonders – von den Chormassen, angespornt von Dirigent Robert Kružik.

Der Regisseur (und Intendant) Jiří Heřman erzählt die Handlung klar und herkömmlich, ohne Schnickschnack, Aktualisierung und aufgesetzte Modernismen. Damit sorgt er – nach Smetanas „Libuše“ vor einigen Jahren – diesmal für eine wohltuende Überraschung. Diesmal überzeugte die Inszenierung. Sie ist funktional in der abstrahierenden Szenerie, diskret auch im Umgang mit christlichen Symbolen.

So entpuppt sich die „Griechische Passion“ als ungemein starkes Stück. In den vergangenen Jahren bereits mehrmals angesetzt, geprobt und dann wieder verschoben, kann sich die Produktion nun im Repertoire bewähren. Einhellig breite Zustimmung eines merklich interessierten und eingestimmten Publikums.

 


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2021)