Dilma Rousseff wird erste Präsidentin Brasiliens

Dilma Rousseff wird erste Präsidentin Brasiliens
Dilma Rousseff wird erste Präsidentin BrasiliensAmtsinhaber Luiz Inacio Lula da Silva und seine designierte Nachfolgerin Dilma Rousseff (c) AP (Brazil's Presidency/Ricardo Stuckert)
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Brasilien bekommt erstmals in seiner Geschichte ein weibliches Staatsoberhaupt. Die linksgerichtete Politikerin setzte sich in der Stichwahl durch. Sie will den Kurs ihres Vorgängers Lula da Silva fortsetzen.

Die linksgerichtete Politikerin Dilma Rousseff (62) gewann am Sonntag die Stichwahl um das Präsidentenamt, wie die Wahlkommission am Abend mitteilte. Nach Auszählung von 99,9 Prozent der Stimmen lag die 62-jährige Kandidatin der regierenden Arbeiterpartei (PT) bei 56,05 Prozent. Ihr Rivale Jose Serra von den Sozialdemokraten (PSDB) erhielt 43,95 Prozent. Rousseff ist die Wunschnachfolgerin von Amtsinhaber Luiz Inacio Lula da Silva, der nach zwei vierjährigen Amtszeiten als Präsident nicht mehr kandidieren durfte.

"Morgen beginnt eine neue Phase der Demokratie"

Rousseffs Anhänger feierten nach Bekanntgabe des Ergebnisses in den Straßen von Sao Paulo und Brasilia. Die Wahlsiegerin bedankte sich bei allen Brasilianern und versprach, deren Vertrauen nicht zu enttäuschen. "Ich bin sehr glücklich", sagte Rousseff. Die 62-Jährige hatte sich bereits bei ihrer Stimmabgabe siegessicher gezeigt und erklärt: "Morgen werden wir eine neue Phase der Demokratie beginnen. Ich werde für jeden regieren, mir allen Brasilianern sprechen, ohne Ausnahme."

In ihrer ersten Ansprache bekräftigte sie, den Kurs von Präsident Lula fortsetzen zu wollen, während dessen Amtszeit Brasilien zur achtgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen war. Sie versprach auch, keine Kürzungen im Sozialbudget oder bei Infrastruktur-Investitionen vornehmen zu wollen. Nach der Wahl wollte Rousseff zunächst eine Woche Urlaub machen. Danach dürfte sie den scheidenden Präsidenten auf einer geplanten Auslandsreise nach Mosambik begleiten und anschließend zum G-20-Gipfel am 11. und 12. November nach Südkorea fahren. Dort wills ich Lula offiziell von der Weltbühne verabschieden und seine Nachfolgerin vorstellen.

Rousseff war als klare Favoritin für Lula da Silvas Nachfolge ins Rennen gegangen, nachdem sie im ersten Wahlgang am 3. Oktober auf 46,9 Prozent der Stimmen gekommen war. Serra hatte damals 32,6 Prozent erhalten. 2002 hatte der frühere Bürgermeister und Gouverneur von Sao Paulo die Wahl klar gegen Lula da Silva verloren.

Rousseff wurde inhaftiert und gefoltert

Lula da Silva scheidet mit Zustimmungsquoten von 80 Prozent aus dem Amt. Seit seinem Amtsantritt 2003 bis Ende vorigen Jahres haben sich einer Studie zufolge 20,5 Millionen Brasilianer aus der Armut befreit, und 29 Millionen schafften es in den Mittelstand. Dazu kommt, dass das südamerikanische Land die globale Krise besser überstanden hat als andere Staaten, der Arbeitsmarkt dieses Jahr ein Rekordplus verzeichnete und ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent erwartet wird.

Der Wirtschaftswissenschaftlerin Rousseff fehlen zwar der Charme und die Volkstümlichkeit Lula da Silvas, doch ihr Lebensweg ist mindestens so dramatisch wie der des früheren Gewerkschaftsführers. Sie gehörte zum bewaffneten Widerstand gegen die Militärdiktatur 1964 bis 1985 und wurde dafür inhaftiert und gefoltert. Sie überstand eine Krebserkrankung. Sie gehörte Lula da Silvas Regierung als Energieministerin und Stabschefin an und pflegt einen Führungsstil, der ihr den Spitznamen "Eiserne Lady" eingetragen hat. Bis zur ihrer Nominierung als Präsidentschaftskandidatin im Februar war sie der breiten Bevölkerung im größten Land Lateinamerikas weitgehend unbekannt.

135 Millionen waren zur Wahl gerufen

Der Wahlkampf war weniger von inhaltlichen Auseinandersetzungen als von persönlichen Untergriffen geprägt. So musste sich Rousseff gegen Vorwürfe wehren, sie trete für eine Legalisierung der Abtreibung ein. Diese ist in Brasilien derzeit nur nach einer Vergewaltigung oder bei bestehender Lebensgefahr für die Mtuter erlaubt. Serra wurde vorgeworfen, er wolle im Falle einer Regierungsübernahme die Privatisierung vorantreiben und selbst vor dem staatlichen Ölkonzern Petrobras nicht halt machen.

Am Sonntag waren rund 135 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen. In Brasilien herrscht Wahlpflicht für alle Bürger zwischen 18 und 70 Jahren. Die Wahlbeteiligung lag offiziellen Angaben zufolge bei 78,5 Prozent.

(Ag.)

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