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B.1.1.529

Neue Corona-Variante erreicht Europa: Belgien registriert ersten Fall

Eine neue Corona-Variante in Südafrika wird intensiv beobachtet.
Eine neue Corona-Variante in Südafrika wird intensiv beobachtet.(c) Reuters
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Die neue Variante in mehreren südafrikanischen Ländern macht weltweit Sorgen. Britische Experten sprechen von der „schlimmsten Variante“ seit Beginn der Pandemie. Nun wurde der erste Fall in Europa festgestellt. In Österreich gilt ab Mitternacht ein Einreiseverbot.

Die Ausbreitung einer neuen möglicherweise gefährlicheren Variante des Coronavirus im südlichen Afrika hat international Besorgnis ausgelöst. Die neue Variante B.1.1.529, die mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein des SARS-CoV-2-Virus in sich trägt, beginnt sich offenbar in der die großen Städte Johannesburg und Pretoria umfassenden südafrikanischen Provinz Gauteng auszubreiten. Österreich und zahlreiche andere Länder ihre Einreisebestimmungen verschärft. Doch die Virus-Variante ist bereits in Europa angekommen. Belgien hat einen ersten Fall registriert, wie am Freitag bekannt wurde. Der belgische Premierminister Alexander De Croo kündigte ebenfalls Reisebeschränkungen an. Es sei Vorsicht erforderlich, aber keine Panik, sagte Vandenbroucke.

Die WHO plant heute, Freitag, eine Sondersitzung. Zur Debatte steht auch, ob bestehende Impfstoffe angepasst werden müssen. Biontech hat angekündigt, dies unverzüglich zu prüfen.

Experten befürchten, dass die Variante B.1.1.529 wegen ungewöhnlich vieler Mutationen hoch ansteckend sein könnte und zudem den Schutzschild der Impfstoffe leichter durchdringen könnte. Die besondere Kombination gibt laut dem Wiener Genetiker Ulrich Elling Anlass zur Sorge. Ähnliche Worte findet auch Virologe Florian Krammer, betont aber auch, dass es „keinen Grund zur Panik“ gebe. Noch sei es „zu früh, etwas zu sagen“. Es fehle an ausreichend Daten. Manche Experten sind sich hingegen „fast sicher“, dass die verfügbaren Impfstoffe „weniger effektiv“ sein werden.

Vier Fälle außerhalb Südafrikas bekannt

Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD teilte am Donnerstag mit, es seien in Südafrika 22 Fälle der neuen Variante B.1.1.529 nachgewiesen worden. Mit mehr Fällen sei im Zuge der laufenden Genomanalysen zu rechnen. Sämtlichen Monitoring-Stellen in Österreich sind derzeit keine Fälle der neuen Variante bekannt. Das berichtete Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Gründe) am Freitag per Twitter. Auch im Abwasser-Monitoring wurde sie bisher nicht nachgewiesen. In Israel wurde der erste Fall einer Infektion der Mutation festgestellt, zwei Fälle sind in Hongkong offiziell bestätigt. Mit dem neu bekannt gewordenen Fall in Belgien sind es nun vier. Diese Zahl dürfte sich wohl rasch erhöhen.

Als Reaktion auf die neue Corona-Variante empfiehlt die UN-Gesundheitsorganisation WHO aktuell keine Reisebeschränkungen. Ein WHO-Sprecher sagte Staaten könnten auch ohne solche Einschränkungen eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung von neuen Varianten einzudämmen. Die WHO wollte noch im Laufe des Freitags entscheiden, ob die neue Variante als "besorgniserregend" klassifiziert werden soll. Der Sprecher betonte, bekannte Mittel wie Masken, Handhygiene, Frischluft und das Vermeiden von Menschenmengen seien auch gegen B.1.1.529 wirksam. Auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC will noch am Freitag eine Einschätzung zur neu aufgetretenen Corona-Variante B.1.1.529 abgeben.

Länder schränken Flugverkehr ein

In der Zwischenzeit haben aber zahlreiche Länder den Einreisebestimmungen verschärft. Österreich untersagt Einreisen aus südafrikanischen Ländern, und zwar Südafrika, Lesotoho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini. Das Einreiseverbot gilt ab Mitternacht. Österreichische Staatsbürger seien zur Einreise berechtigt, hätten aber besonders strenge Quarantäneregelungen - zehntägige Quarantäne, PCR-Test bei der Einreise, Registrierung - einzuhalten. Zusätzlich werde ein Landeverbot für Flüge aus diesen sieben afrikanischen Ländern verhängt. Zugleich spricht das Außenministerium eine Reisewarnung (Stufe 6) für die sieben afrikanischen Länder aus, teilte Außenminister Michael Linhart (ÖVP) mit. Das Außenministerium warnt somit vor allen touristischen und nicht notwendigen Reisen, einschließlich Urlaubs- und Familienbesuchsreisen in diese Länder.

Flüge aus dem südlichen Afrika sollen gekappt werden, schlug EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor. Mittlerweile haben aber schon zahlreiche europäische Staaten reagiert. Italien und die Niederlande sprechen ein Einreiseverbot für all jene aus, die in den letzten 14 Tagen in den betroffenen Gebieten waren. Frankreich verhängt ein Landeverbot für Flüge aus dem südlichen Afrika. Deutschland wird Südafrika und eventuell weitere Nachbarländer am Freitag zum Virusvariantengebiet erklären. Fluggesellschaften dürfen dann nur noch Deutsche nach Deutschland zurückbefördern. Auch Geimpfte müssen dann nach ihrer Einreise 14 Tage in Quarantäne.

Die Regierung Großbritanniens schränkt wegen der neuen Virusvariante ebenfalls den Flugverkehr aus den betroffenen Ländern ein. Bisher wurden in Großbritannien keine Fälle mit der neuen Variante festgestellt, doch täglich kommen laut der Nachrichtenagentur PA 500 bis 700 Menschen allein aus Südafrika in dem Land an. Über die Weihnachtszeit wird mit einer höheren Zahl gerechnet. Israel stufte die Länder Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini als "rote Länder" ein. Knapp 24 Stunden später wurde der erste Fall der Mutation in Israel festgestellt. Es handelt sich dabei nach aktuellen Informationen um einen Reiserückkehrer aus Malawi. 

Auch Japan, Indien haben eine Verschärfung der Grenzkontrollen für Einreisende aus Südafrika und andere betroffene afrikanische Länder beschlossen. 

Neue Variante macht in betroffener Provinz bereits rund zwei Drittel aus

Während im Rest von Südafrika die Covid-19-Pandemie im aktuell dort herrschenden Frühling stark gebremst verläuft, sehe man in der Provinz Gauteng seit kurzem einen massiven Anstieg der Neuinfektionen, so Ulrich Elling, Experte vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Das sei interessant, da Südafrika eigentlich nach früheren starken Ausbrüchen relativ durchseucht ist. "Gauteng fällt dann doch negativ auf." Der sprunghafte Anstieg gipfelte dort am gestrigen Mittwoch in über 1000 Neuinfektionen.

Unter den wenigen sequenzierten Viren-Genomen aus der Region macht die Variante unter der Bezeichnung B.1.1.529 laut Berechnungen Ellings bereits rund zwei Drittel aus.

Wie gefährlich ist die neue Variante?

Wissenschaftler bezeichneten B.1.1.529 gegenüber dem „Guardian“ am Donnerstagabend als die schlimmste Variante, die sie seit Beginn der Pandemie gesehen hatten. B.1.1.529 vereint sehr viele als bedenklich geltende Mutationen im Spike-Protein, also jener Teil des Virus, den die meisten Impfstoffe verwenden, um das Immunsystem gegen Covid vorzubereiten. Das ist besorgniserregend, da diese Mutationen helfen könnten, die Immunantwort des Körpers zu umgehen und das Virus dadurch übertragbarer zu machen, sagten Wissenschaftler. Jede neue Variante, die in der Lage ist, Impfstoffe zu umgehen oder sich schneller als die jetzt vorherrschende Delta-Variante auszubreiten, kann eine erhebliche Bedrohung darstellen.

32 Veränderungen zählen die Experten bisher bei der Variante. Dass eine Variante derartig viele Mutationen anhäufen konnte, ist laut Elling erstaunlich. Außerdem finden sich drei neu eingesetzte Bausteine in der Sequenz des S-Proteins. Das komme "normalerweise nie vor“, unter den vielen Mutationen sei dies "die Verrückteste". Und: Es handle sich jedenfalls um die aktuell besorgniserregendste Mutationsanhäufung.

Weitere Studien erforderlich

Um die Gefährlichkeit besser einschätzen zu können, würden jedenfalls noch weitere Studien fehlen, sagt Elling. Die Neuinfektionskurve in Gauteng weise aber deutlich nach oben. Ein "Vorteil" der Variante sei, dass sie sich mittels PCR-Test detektieren lasse, so der Wissenschafter: "Das wird uns helfen, sie zurückzuverfolgen und die Ausbreitung zu verstehen." Seinen Anfang nahm der Ausbruch demnach vermutlich unter Studenten in der Region Gauteng. Ob die Variante in der Region entstanden ist, könne man nicht sagen.

Anpassung des Impfstoffs womöglich notwendig

Es könnte sich hier um eine Variante handeln, die erstmals eine Anpassung von Impfstoffen notwendig mache, zur Einschätzung brauche es aber noch mehr Daten: "Es ist zu früh, da etwas zu sagen“, sagte der österreichische Virologe Florian Krammer. Letztlich müsse man in Laborversuchen zeigen, wie gut die Impfstoffe dagegen wirken.

Biontech hat angekündigt, den Impfstoff auf die neue Variante zu prüfen. "Wir können die Besorgnis von Experten nachvollziehen und haben unverzüglich Untersuchungen zur Variante B.1.1.529 eingeleitet“, Ein Biontech-Sprecher sagte am Freitag. "Die Variante unterscheidet sich deutlich von bisher beobachteten Varianten, da sie zusätzliche Mutationen im Spike-Protein hat." In spätestens zwei Wochen seien weiterführende Daten aus den Labortests zu erwarten. "Diese Daten werden uns Aufschluss darüber geben, ob es sich bei B.1.1.529 um eine Escape-Variante handeln könnte, die eine Anpassung unseres Impfstoffs erforderlich macht, wenn sich diese Variante international ausbreitet."

Dass man bei der Beta-Variante noch nicht anpassen musste, sei darin begründet, dass eine dritte Impfung mit einer darauf abgestimmten Impfstoffvariante keine besseren Ergebnisse erbracht habe, als mit dem "alten" Impstoff zu boosten, so Krammer.

Die Einschätzung einer Anpassung sei auch schwierig, weil einerseits in der zeitlichen Distanz zur Zweitimpfung bei vielen die Antikörperspiegel natürlich absinken und zusätzlich noch die deutlich ansteckendere Delta-Variante um sich gegriffen hat. Klar sei, "wenn man einen deutlichen Anstieg von schweren Infektionen unter Geimpften sieht, muss man das schnell anpassen". Bei den mRNA-Vakzinen von BioNTech/Pfizer oder Moderna sei das auch technisch innerhalb kurzer Zeit möglich. Die Firmen würden Delta-Anpassungen momentan auch testen, das sei aber regulatorisch und organisatorisch nicht unkompliziert. Eine Frage sei zudem, wie schnell dann dafür Zulassungen erteilt würden.

Deutlich skeptischer zeigen sich britische Experten. Sie gehen davon aus, dass der Impfstoff „weniger effektiv“ gegen die neue Variante schützen würde. Man sei sich „fast sicher“, sagte James Naismith, Professor für Strukturbiologie an der Universität Oxford, in der Radiosendung BBC 4 Today am Freitag.

Einig scheint man sich aber beim dringenden Bedarf an mehr Daten. Denn ob die Variante auch leichter übertragbar sei, lasse sich anhand der vorliegenden Daten bisher noch nicht mit Sicherheit sagen. "Wir vermuten das und es gibt einige frühe Daten", fuhr Naismith fort. Sollte sich eine leichtere Übertragbarkeit bestätigen, sei es unvermeidlich, dass die Variante auch nach Großbritannien gelange, so der Experte weiter.

(APA/dpa/red.)

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