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Lokalkritik

Testessen im Ikat und im Stella Marina

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Wir essen usbekisch und Teigtaschen in allen Größen und warten beim einsamsten italienischen Koch der Welt.

Der Lockdown ist der natürliche Feind des Restaurantkritikers, das Take-away nur sein schwacher Trost. Vor der Wieder­inbetriebnahme der kulinarischen Selbstversorgerhütte darf ich zwei Episoden aus den letzten Tagen der gastronomischen Menschheit 2021 mit Ihnen teilen. Seit Wochen versuchte ich Testunterstützung für den Besuch eines usbekischen Restaurants zu gewinnen, des einzigen seiner Art in Wien. Mangels Erfahrung mit den ­angesagten Restaurants in Taschkent sowie ohne Ausbildung zum intimen Kenner usbekischer Landesküche habe ich keine Ahnung, was authentisch oder fake ist.

Restaurant Ikat
Restaurant Ikat

Das Ikat erinnert jedenfalls inklusive des Chefs, der einen im Anzug großzügig an der Tür begrüßt, an die russischen und zentralasiatisch beeinflussten Restaurants auf Coney Island. Die hatte ich allerdings nie für sehr authentisch gehalten: Auf einem Flachbildschirm läuft Mittelost-Musikshow ohne Ton, die Inneneinrichtung ist bunt mit Blaustich, die Kellner unterweisen sehr freundlich, die Nebentische sprechen russisch. Solche tschetschenischen Personenschützer hätte ich auch gern, aber vielleicht sind sie wegen der Restaurantkritiker hier. Ich bestelle die Karte zwar rauf und runter, aber die Gerichte sind klar zuzuordnen: Gewaltige Spieße mit Fleisch, gewaltige mit Rindfleisch gefüllte Teig­taschen (Manti) und winzige, auch mit Fleisch gefüllte Teigtaschen (Pelmeni). Davor bestelle ich noch ein Reisgericht, das den anheimelnden Charakter einer fetten Rindsuppe mit Einlage bietet: aber eben mit Reis statt Suppe. Das Gericht heißt Plov und hat ebenso viel geschmortes Lamm abbekommen wie die Fleischspieße Zwiebel, rohen natürlich. Man will sich ja erinnern können.

Restaurant Ikat
Restaurant Ikatbeigestellt

Ähnlich orginell verlief ein Besuch beim Italiener mit dem klingenden Namen Stella Marina. Bei Betreten der Trattoria sollte es dem Profi auffallen: Es fehlt nicht an Gästen, sondern an Personal. Der Koch ist auch Kellner, Abwäscher, Eigentümer und Souschef. Deswegen hatte er auch keine Zeit zum Aufräumen, die Karte wird mündlich vorgetragen, es gibt zwei Pastagerichte zur Auswahl, es empfiehlt sich, pro Tisch nur eine Variante zu ordern. Das geht schneller. Oder besser: nicht ganz so langsam. Um zu der großartigen Sepia-Pasta mit Garnele zu kommen, braucht man Geduld und Gleichmut. Die kann man von der One-Man-Show lernen, den auch sieben Tische nicht aus dem Konzept bringen, der immer seine Würde, den leichten Grant und diese elegante Arroganz behält. In der Zwischenzeit serviert er Weißbrot mit Räucherlachs und Philadelphia-Frischkäse. Das könnten sie in den Wartezimmern der Arztpraxen auch einführen. Wenn du es eilig hast, gehe langsam, hat ein kluger Mann einst geschrieben. Im Lockdown wird mir das alles ­fehlen.

 

Info

Ikat, Liechtensteinstraße 33, 1090 Wien, www.ikat.wien

Stella Marina, Windmühlgasse 7, ­
1060 Wien, Tel.: +43/(0)1/587 32 45.

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