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Corona

Lernfortschritt und psychische Gesundheit: Rufe gegen Schulschließungen

Schulen offen halten? Schulen schließen? An dieser Frage scheiden sich die Geister.Die Presse (Clemens Fabry)
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Experten warnen vor flächendeckendem Fernunterricht. Studien hätten gezeigt, dass die Pandemie die psychische Gesundheit junger Menschen gefährde. Bildungslandesrätinnen dementieren Gerüchte, wonach die Schulen ab Montag zwei Wochen schließen sollten.

„Mir war der Präsenzunterricht und die offene Schule sehr wichtig“, ließ Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) immer wieder wissen, und auch Familienministerin Susanne Raab (ebenfalls ÖVP) bezeichnete das Offenhalten der Schulen am Mittwoch als den „richtigen Weg“. Dazu gesellen sich die Stimmen der Tiroler Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) sowie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP), die sich am Donnerstag ebenfalls gegen ein Schließen der Schulen ausgesprochen haben. "Wir halten daran fest, vom flächendeckenden Distance Learning Abstand zu nehmen", betonte Palfrader. Die ÖGKJP betonte, dass Kinder nicht beschränkt werden dürften, "um eine Dynamik abzufangen, die durch die solidarische Maßnahme der Impfung vermeidbar wäre".

Die Landesrätin argumentierte - wie auch schon der Bildungsminister -, dass man durch das regelmäßige Testen an den Schulen ein Kontrollinstrument habe, was das Infektionsgeschehen betreffe. Sie hoffe zudem, dass die neu eingeführte Regelung, wonach ab dem zweiten Infektionsfall die ganze Klasse für fünf Tage ins Distance Learning müsse, greifen werde. Ob man den Winter ohne Schulschließungen überstehen werde, könne sie aber nicht vorhersagen.

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Zuletzt hatten Gerüchte die Runde gemacht, wonach die Schulen angesichts des hohen Infektionsgeschehens schon ab Montag wieder für zwei Wochen ins Distance Learning wechseln müssten. Seitens der Regierung dementiert man - und das vom Bildungsminister abwärts.

„Wenn möglich, Sonderbetreuungszeit"

Palfrader, die auch Arbeitslandesrätin ist, appellierte allerdings an die Eltern, im Falle von Heimunterricht die Sonderbetreuungszeit in Anspruch zu nehmen. "Wenn irgendwie möglich, nehmen Sie bitte die Sonderbetreuungszeit in Anspruch. So helfen Sie mit, die vierte Welle der Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen". Ihr sei jedoch bewusst, dass dies nicht bei allen Berufsgruppen möglich sei.

Gegen eine Schließung der Schulen zum jetzigen Zeitpunkt sprachen sich auch Palfraders Kolleginnen aus Niederösterreich und Salzburg im Ö1-Mittagsjournal aus. Mit der nunmehrigen Lösung, Klassen ab dem zweiten Infektionsfall ins Distance Learning schicken zu können, sei sie sehr zufrieden, meinte etwa die Salzburger Bildungs-Landesrätin Daniela Gutschi (ÖVP). Sowohl Gutschi als auch ihr niederösterreichisches Pendant Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP) stellten auch in Abrede, dass ihre Länder Druck für Schulschließungen machen würden. Wenn sich die Lage zuspitze, könne es zwar sein, dass man auch Schulen zusperren müsse. In einer Pandemie schließe sie nichts aus. Es gebe aber „keinen definitiven Plan“, der ihr bekannt sei, wonach ab Montag alle Schulen zuzusperren müssten, betonte sie auf Nachfrage.

Gefahr für psychische Gesundheit der Kinder

Vehement gegen Schulschließungen positionierte sich das ÖGKJP-Präsidium und deren Präsidentin Kathrin Sevecke. Studien hätten "eindeutig belegt, dass die Pandemie die psychische Gesundheit junger Menschen deutlich beeinträchtigt", unterstrichen die Experten in einer Aussendung. Man sollte, so die ÖGKJP, "aus den bisherigen Fehlern gelernt haben". Eine erneute Schulschließung würde aus Expertensicht "mit Sicherheit die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen weiter gefährden". Zudem bestehe die Gefahr, dass emotional belastete junge Menschen, die noch nicht klinisch gefährdet sind, nun ebenfalls Symptome einer psychischen Erkrankung entwickeln.

Denn mittlerweile sei klar, dass es durch die Schließung der Schulen "nicht nur zu Einschränkungen im Lernergebnis", sondern auch "zu gravierenden sozial-emotionalen Beeinträchtigungen" komme. So haben sich laut der Tiroler Covid-19 Kinderstudie Angst- und Traumasymptome seit März 2020 verdrei- bis vervierfacht. Wiesen im März 2020 noch sechs Prozent der Kinder Symptome im klinischen Bereich auf, waren es bei der letzten Erhebung im Sommer 2021 bereits 23 Prozent.

Einer bundesweiten Studie zufolge wiesen 55 Prozent der österreichischen Jugendlichen und Auszubildenden klinisch relevante depressive Symptome auf. Die Prävalenz von Suizidgedanken lag bei 37 Prozent. Bereits ein Semester nach Wiedereröffnung der Schulen und Zurückfahren der Eindämmungsmaßnahmen im Juni 2021 habe sich eine Verbesserung der psychischen Gesundheit der Jugendlichen gezeigt.

„Distance Learning für alle“ gefordert

Anderenorts fordert man hingegen das Schließen der Schulen. So hat sich eine Gruppe von Schülern, Schulsprechern, Ärzten und Wissenschaftlern, Lehrern und Eltern in einem offenen Brief an Bundeskanzler Schallenberg, Bildungsminister Faßmann und Gesundheitsminister Mückstein gewandt. Sie forderten darin unter anderem: "Distance Learning für alle".

„Einschneidende Maßnahmen“ seien nun alternativlos, schreiben sie, und fordern von der Regierung: „Übernehmen Sie jetzt Verantwortung. Ergreifen Sie die notwendigen Schritte, damit der Rest des Schuljahres sicher in Präsenz stattfinden kann. Schützen Sie die, die sich selbst nicht schützen können. Sie stehen ihnen in der Pflicht.“ [>>> Zum Offenen Brief]

(APA/Red.)