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Täterarbeit

Gewalt an Frauen: "Man muss bei den Männern ansetzen"

Gewalt an Frauen ist auch ein Männerproblem (Symbolbild).
Gewalt an Frauen ist auch ein Männerproblem (Symbolbild).Getty Images (Spencer Platt)
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29 Frauen wurden heuer in Österreich von Männern - großteils Lebensgefährten - ermordet. Um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, müssen obsolete männliche Rollenbilder verändert werden, so Experten.

29 Todesopfer in diesem Jahr, jede fünfte Frau ist von Gewalt betroffen. Es handelt sich um Zahlen aus Österreich. Opferschutzorganisationen und Männerberatungsstellen sind sich einig: Es muss rasch gegengesteuert werden. In den Fokus der Aufmerksamkeit rückt dabei vermehrt die Arbeit mit den Tätern. Im Idealfall müsse bereits Buben in jungem Alter der Druck zur toxischen Männlichkeit genommen werden, hieß es nun zum Auftakt der Ringvorlesung „Eine von fünf - Opferschutzorientierte Täterarbeit bei Gewalt an Frauen und Kindern“ der MedUni Wien.

Das sieht auch Romeo Bissuti, Leiter der Männerberatung Wien, so. Schon im Knabenalter sei es wichtig zu lernen, mit negativen Emotionen umzugehen und zu lernen „dem Gegenüber mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen“. Wie tiefgreifend obsolete Rollenbilder in Männern verankert sind, sei ihm erst bei seiner Arbeit beim Verein bewusst geworden. „Man merkt, dass man mit den Tätern mehr gemein hat, als man sich unterscheidet. Dieser Druck zur Männlichkeit, das kennt man“, so Romeo Bissuti. Männer würden lernen müssen, sich ihr „besitzergreifendes Verhalten gegenüber Frauen, den Drang in der Partnerschaft, in der Arbeit und sogar in der Freundschaft mit anderen Männern zu dominieren, bewusst machen“.

Gewaltprävention noch ausbaufähig

Bereits in einem früheren Interview gegenüber der „Presse“ betonte Bisutti, wie wichtig es sei, bei Gewalt gegen Frauen bei den Männern anzusetzen. Er plädiert dafür, einen „Raum für die Ängste und Unsicherheiten von Männern zu schaffen“. Damit müsse früh begonnen werden. Buben heutzutage bräuchten „so früh wie möglich Empowerment, um nicht in tradierten und Gewalt akzeptierenden Männerbildern stecken zu bleiben“, meinte auch Peter Wanke. Er ist Psychotherapeut und betreut jugendliche Sexualstraftäter für den Verein Limes in Wien. Zu ihm kommen Männer, die schon Taten gesetzt haben. Drei Jahre lang dauert dann die Arbeit an der Rückfallprävention, mit Einzelbehandlungen und Gruppentherapien unter Einbeziehung der Familie. „Es ist ein unfassbarer Aufwand, aber es kann eine Veränderung im Zugang zu Grenzen, Aggression und Sexualität erreicht werden“, sagte Wanke.

Angesetzt werden müsste aber schon früher, bevor es überhaupt zur Tat kommt, das sieht auch Wanke so. In Deutschland gebe es etwa das Programm „Nicht Täter werden“, wo sich Männer, die sich zu Kindern hingezogen fühlen oder Grenzen verletzen könnten, anonym melden können. In Österreich sei das Angebot solcher Stellen noch ausbaufähig, meinte Wanke. Mit der neuen vom Sozialministerium geförderten Männerberatungsstelle, bei der auch Bissuti tätig ist, sei aber auch in Österreich ein Anfang gemacht.

Auf Ideen folgt die Umsetzung

Diese Beratungsstellen müssten aber auch in Anspruch genommen werden. Dafür fehle es bei Männern aber einerseits oft an Problembewusstsein und der Eigeninitiative, sich ändern zu wollen, meinte Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der autonomen Frauenhäuser Österreich. Andererseits redeten Männer auch zu selten über ihre eigenen Erfahrungen mit Gewalt und wüssten oft nicht, dass es überhaupt Hilfe für sie gibt. Dass es unter Männern oft an offenem Austausch fehle, sieht auch Bissuti so. Das liege auch an den Konkurrenzgedanken, die Buben oft schon von klein auf anerzogen bekommen. Das ständige Messen aneinander führt in vielen Fällen zur Aberkennung der Männlichkeit des Schwächeren. Der Bewältigungsmechanismus vieler Männer sei so ausgerichtet, ihre Schwächen fortan zu verstecken. Das resultiert oft in der sogenannten toxischen Männlichkeit - und oftmals auch in Gewalt.

Die vorhandenen Beratungsangebote müssen also besser beworben werden, meint auch Barbara Steiner vom Verein Juristinnen, und zwar im Falle der Täter wie der Opfer. Nur zehn Prozent der Opfer würden die kostenlose Prozessbegleitung in Anspruch nehmen, die ihnen zusteht. „Viele Frauen fühlen sich in der Situation überfordert und schrecken manchmal sogar davor zurück, eine Anzeige zu machen, weil dann kommt das große unbekannte Justizsystem auf sie zu, dabei gäbe es ja Hilfe“, sagte Steiner, die sei nur oft nicht bekannt.

Durchaus aktive Teilnahme von Männern gebe es unterdessen beim Verein „StoP Stadtteile ohne Partnergewalt“, der Nachbarn auf das Erkennen häuslicher Gewalt sensibilisieren soll. „Es gibt hier viele Männer, die Haltung zeigen und klarmachen, dass sie keine Gewalt mehr in ihrem Umfeld haben wollen. Es ist auch wichtig, dass wir Männer haben, die Vorbilder sind“, sagte Rösslhumer. Es solle sich jeder die Frage stellen, „was kann ich tun, um Gewalt zu unterbrechen und andere Männer ins Boot zu holen?“ Letzten Endes sei aber auch die Politik gefordert, das Thema „Gewalt an Frauen“ weiterhin hochzuhalten. Die bisher beschlossenen Maßnahmen würden nicht ausreichen, den Kreislauf der Gewalt endgültig zu durchbrechen, hieß es seitens der Expertinnen und Experten.

Tipp

Die interdisziplinäre Ringvorlesung „EineR von fünf - Opferschutzorientierte Täterarbeit bei Gewalt an Frauen und Kindern“ wird vom 29.11.-14.12.2021 an der Medizinischen Universität Wien abgehalten.

Zum Livestream der Auftaktveranstaltung vom 23.11. geht es hier.

Beratung für Männer gibt es bei der Männerberatung Wien unter: +43 1 603 28 28 oder info@maenner.at

 

(apa/evdin)