Der große niederländische Schriftsteller Harry Mulisch ist am Samstag mit 83 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Die Nazizeit prägte sein Werk und seine Biografie. Das ist mit Blick auf seine Familie verständlich.
Sein wichtigstes Thema war die Nazizeit. Das ist verständlich beim niederländischen Autor Harry Mulisch, der am Samstagabend in Amsterdam mit 83 Jahren einem Krebsleiden erlag: „Mein Vater war ein Österreicher, ein Kollaborateur, meine Mutter eine Jüdin.“ Opfer und Täter in einer Familie. Diese Situation hat Mulisch sein Leben lang beschäftigt. „Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit steckt mir im Blut“, sagte der Schriftsteller als alter Mann. Seine Mutter, Alice Schwarz, stammt aus Belgien, der Nazi-Vater war im besetzten Holland für konfisziertes jüdisches Vermögen zuständig. Er hatte sich 1936 scheiden lassen, konnte später aber die Deportation seiner Frau verhindern. Andere ihrer Verwandten wurden jedoch ermordet.
Das Familiendrama wird auch in Mulischs Hauptwerk, dem in 30 Sprachen übersetzten Roman „Die Entdeckung des Himmels“ (1992), gestreift: „Die ganze schreckliche Geschichte im Roman, in der der Vater... die eigene Frau anzeigt und später hingerichtet wird, ist eine Überspitzung meiner Geschichte“, sagte Mulisch 2003 im Interview mit der „Presse“ nach der Verfilmung dieses komplexen Buchs, eines fantastischen Abenteuer- und Entwicklungsromans. Das Kaleidoskop der 1960er und 1970er vor dunklem Hintergrund erzählt das Schicksal des Astronomen Max und des Linguisten Onno: zwei Männer in einer Dreiecksbeziehung, die vom Himmel aus von Engeln manipuliert werden, was zu wundersamen Ereignissen führt. Gott und Teufel aber sind abwesend in Mulischs feinem Gewebe voller theologischer, philosophischer Anspielungen. Zugleich ist der Roman mit seinem Hang zum Okkulten und wissenschaftlichen Exkursen nicht nur gelehrt, sondern wie die meisten Werke Mulischs voller Humor. Ein wichtiger Einfluss für ihn ist Edgar Allan Poe.
„In Holland bin ich weltberühmt“
Als „Die Entdeckung des Himmels“ herauskam, war Mulisch längst würdig für den Nobelpreis. Er hat ihn aber nie bekommen. „In Holland bin ich weltberühmt“, sagte er, sich seiner Eitelkeit bewusst, voller Selbstironie.
Mit 18 Jahren verfasste Mulisch seine ersten Gedichte, mit 24 veröffentlichte er seinen Debütroman „Archibald Strohalm“. Es folgten rund 60 Werke, neben Prosa und Poesie auch Dramen, Libretti und Journalistisches. Er berichtete 1961 über den Eichmann-Prozess in Jerusalem, wollte einen Haupttäter des Holocaust möglichst vorurteilslos verstehen. Mulisch kam zum Schluss, dass Eichmann einer der zwei oder drei Menschen gewesen sei, die ihn verwandelt hätten: „Außerdem hat er mir eine gewisse Wachsamkeit beigebracht, mir sind die Augen etwas weiter aufgegangen. Ich sehe sowohl ihn, mich selbst als auch andere in grellerem Licht“, sagte er am Ende seiner Berichte, die als „Strafsache 40/61“ 1962 veröffentlicht wurden.
Zum Weltliteraten wurde der in Haarlem geborene Schriftsteller spät. 1983 kam sein erster internationaler Bestseller, „Das Attentat“, heraus, der auch in den besetzten Niederlanden spielt. Er handelt von einem Mann, der mit zwölf als einziger seiner Familie eine Vergeltungsaktion der Deutschen überlebt hat. Dieser Anton Steenwijk arbeitet in fünf Episoden Schuld und Verantwortung auf. Die Vergangenheit wird zu seiner Obsession. Der Film zum Buch erhielt 1987 einen Oscar. Ein weiteres wichtiges Werk, vielleicht sogar sein bestes, ist Mulischs Roman „Das steinerne Brautbett“ (1959) über die Zerstörung Dresdens. Ein Soldat der US-Airforce besucht die Stadt zwölf Jahre nach dem Feuersturm und entdeckt dort die Hölle, an der er selbst einst beteiligt war.
Und der bestirnte Himmel droben? Ewige Finsternis? Mulisch kleidet eine dieser letzten Fragen in „Die Entdeckung des Himmels“ in ein Paradox: „Über den Tod zu reden heißt, Zeit zu verschwenden. Solange du lebst, bis du nicht tot, und wenn du nicht mehr lebst, bist du nur für andere tot.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2010)