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Stadtentwicklung

Neue Quartiere: Wien als städtebauliches Experimentierfeld

Immobilien
ARE/Superblock ZT GmbH
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Wien will bei der Stadtentwicklung auf Klimaschutz, Klima-Anpassung und Kreislaufwirtschaft setzen. Wie das gestaltet wird, etwa mit Geothermie und Gebäude-Recycling, zeigt ein Blick auf aktuelle Projekte.

Blickt man derzeit aus der Vogelperspektive auf Wien, erscheint die Stadt als großes städtebauliches Experimentierfeld. Überall stehen Kräne, fahren Baumaschinen auf, entstehen neue Quartiere. Als „Experiment“ will man die Bauaktivitäten bei der Stadt Wien jedoch nicht verstanden wissen, denn dahinter stehe ein konkretes Konzept, betont Thomas Madreiter, Direktor der Stadtplanung Wien: „Wir setzen bei der Stadtentwicklung grundsätzlich auf die drei K: Klimaschutz, Klimaanpassung, Kreislaufwirtschaft. Die Bauten eines neuen Stadtteils müssen werthaltig, dauerhaft und reycelbar sein, wobei das letztlich auch für die städtischen Strukturen gilt.“ Darüber hinaus sei es wichtig, eine Stadt der kurzen Wege zu schaffen, den öffentlichen Verkehr zu forcieren und nicht zuletzt für eine durchgrünte Stadt zu sorgen, „sodass am Ende des Tages ein erheblich geringerer Energieverbrauch steht“.

 

Geothermie und Recycling

Eines dieser Projekte ist das „Village“ im Dritten. Hier sollen auf einem Areal von elf Hektar rund 2000 Wohnungen entstehen, dazu sind Gewerbe, Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastronomie, Bildungs- und Kinderbetreuungseinrichtungen vorgesehen. Nachhaltigkeit wurde in den Planungsprozess in mehrfacher Hinsicht einbezogen, erläutert Gerd Pichler, Leiter der Projektentwicklung der ARE Austrian Real Estate. So habe man bereits beim notwendigen Abriss der bestehenden Gebäude verwertbare Teile herausgenommen und werde sie später beim Bau wiederverwenden. „Darüber hinaus setzen wir auf Geothermie und Fotovoltaik, und werden damit nahezu autark sein.“ Das Quartier werde autofrei gestaltet, beim Bau nach Möglichkeit auf alternative Materialien wie Holz gesetzt. „Das Herzstück dieses neuen Stadtteils soll aber der große Park werden, der auch ein wichtiges Naherholungsgebiet für die Nachbarschaft sein wird“, betont Pichler. Ende 2022 wird mit dem Hochbau begonnen. Die Umsetzung ist in drei Etappen geplant, 2026 will man mit allem fertig sein.

 

Grünraum und nachhaltige Mobilität

Ähnlich ambitionierte Pläne hegt man beim „Neuen Landgut“ in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die Stadt Wien wird hier gemeinsam mit den ÖBB ein neun Hektar großes Gebiet erschließen. Rund 1500 Wohnungen sollen entstehen, die Hälfte davon im geförderten Wohnbau, darüber hinaus ein Bildungscampus, eine große Grünfläche und attraktive Erdgeschoßzonen mit Geschäften und Gastronomie. Die bestehenden Gebäude, Gösserhalle und Inventarhalle, „bleiben als identitätsstiftende Bauten stehen und werden neuen Nutzungen als Büro- beziehungsweise Gastronomieräumlichkeiten zugeführt“, sagt Claudia Brey, Geschäftsführerin ÖBB Immobilien. Das Grundkonzept umfasst laut Brey vor allem soziale und ökologische Aspekte. „Dazu gehören unter anderem die Frei- und Grünraumgestaltung, die Förderung umweltfreundlicher Mobilität und der große Anteil an geförderten Wohnungen“, präzisiert sie.

 

Rück- und Ausbau von Bestand

Ebenfalls mitten in der Stadt liegt das Althan-Quartier rund um den Franz-Josefs-Bahnhof. Im Unterschied zu anderen Stadtentwicklungsgebieten ist der Althangrund ein bereits bestens erschlossenes, dicht bebautes rund 24 Hektar umfassendes innerstädtisches Areal. Herzstück soll hier das „Francis“ werden, das ehemalige technische Zentrum der Bank Austria. „Aus einem quasi ,Hochsicherheitsgebäude‘ mit rund 40.000 Quadratmetern kreieren wir ein nach außen offenes Allzweckgebäude mit Coworking-Spaces, einer öffentlich zugänglichen Plaza, Begegnungszonen, Freiflächen sowie umfangreichen Gastronomie- und Einkaufsmöglichkeiten“, beschreibt Sebastian G. Nitsch, CEO des Immobilienentwicklers 6B47 Real Estate Investors AG.

Was das Gebäude darüber hinaus besonders macht: „Wir haben das Gebäude bis auf das Stahlbetonskelett zurückgebaut und darauf einen völlig neuen Bau gestellt. Dadurch, dass wir das Gebäude nicht abgerissen haben, konnten wir über 18.000 Tonnen CO2-Äquivalent verhindern. Das ist umgerechnet die Ersparnis von rund 122.000 Tonnen Abbruchmasse, von rund 10.000 Lkw-Fahrten und entspricht der Bausubstanz von etwa 660 Einfamilienhäusern“, betont Nitsch.

HINTERGRUND

2005 wurden im Wiener Stadtentwicklungsplanerstmals Zielgebiete festgelegt. Für jedes gibt es ein eigenes Zielgebietsmanagement mit einem Programmkoordinator. Dieser stellt Informationen zur Verfügung, gibt Impulse, moderiert, bildet Netzwerke, formuliert Handlungsempfehlungen, initiiert Planungsgrundlagen und zeigt räumliche und zeitliche Prioritäten auf. Derzeit stehen neben den genannten Beispielen unter anderem die Seestadt Aspern, der Erdberger Mais, Liesing Mitte oder die Muthgasse im Zentrum der Aktivitäten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2021)