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Daten

Die Ameisenstraßen der Touristen entzerren

Clemens Fabry
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Wenn es sich an Tourismus-Hotspots staut, stört das nicht nur Einheimische, sondern auch Gäste und Anbieter. Salzburger Forscher versuchen mit digitalen Möglichkeiten, den Andrang sanft umzulenken.

Die Gassen von Hallstatt, die Getreidegasse in Salzburg oder die verwinkelten Wege in Dürnstein in der Wachau: Überall dort, wo viele Touristen unterwegs sind, wird es schnell eng. Die Konflikte zwischen den Menschen, die an diesen schönen Orten leben, und jenen, die zum Bestaunen der Sehenswürdigkeiten da sind, sind programmiert. Was tun gegen die Probleme, die der blühende Tourismus schafft?

„Vieles, was unter Overtourism postuliert wird, ist auf sehr punktuelle Ereignisse beschränkt. Die Überlastung konzentriert sich auf bestimmte Zeiten oder neuralgische Punkte“, sagt Markus Lassnig, Forscher bei der Salzburg Research. Er arbeitet mit seinem Team an Möglichkeiten, um Touristenströme zu lenken und den programmierten Stau auf den Ameisenstraßen – also jenen Routen, die die meisten Gäste fast automatisch entlang der Sehenswürdigkeiten nehmen – zu vermeiden. Von Verboten hält der Tourismusforscher wenig. Es gehe um eine sanfte Lenkung mittels intelligenter, datenbasierter Maßnahmen.

Um die Debatte zu versachlichen, verlässt sich Lassnig auf konkrete Daten über die Besucherströme. Nur mit einer guten Datenbasis könne man sagen, wo es wirklich Probleme gebe und wo die Überlastung „nur“ subjektiv wahrgenommen werde.

Wissen, wann wer was besucht

„Wir greifen in vielen Bereichen auf schon existierende, automatisch erfasste Daten zurück“, sagt der Forscher. So gibt es in der Stadt Salzburg automatische Verkehrszählstellen: Die Ergebnisse können ebenso in die Basiserhebung einfließen wie die Belegung der großen Parkgaragen, die Besucherzahlen von Festungsbahn oder Mönchsbergaufzug oder die Nutzungsstatistik der bei Touristen beliebten Salzburg Card. „Bei vielen dieser Daten sind Zeitangaben hinterlegt, was Rückschlüsse auf die Reihenfolge von Sehenswürdigkeiten und Museen, die besucht werden, sowie die Verweildauer zulässt.“ Zusätzlich werden über Passantenzählsensoren oder GPS-Tracker weitere Daten gesammelt.

In einem weiteren Schritt fließen die Daten in Prognosemodelle ein. „Was wir jetzt schon sehen, ist, dass sich Overtourism mit Corona nicht erledigt hat. Das wäre eine Fehleinschätzung“, betont Lassnig. Corona habe die Touristenströme nur verschoben: Weniger Busgruppen beispielsweise, dafür mehr Individualtouristen mit geändertem Bewegungsverhalten.

Wie lassen sich Besucher mit sanften Methoden fast unbemerkt lenken? „Bustouristen kann man mit Zufahrtsslots zu Parkplätzen zeitlich und örtlich gut steuern.“Bei Individualtouristen sind die Lenkungsmaßnahmen wesentlich kniffliger. Vor stark frequentierten Tagen – beispielsweise weil schlechtes Wetter erwartet wird – seien Informationen, die die Gäste in der Planungsphase ihres Aufenthalts auf ihr Handy bekommen, hilfreich. So kann eine Kfz-Navigations-App das Parken am Stadtrand samt Altstadt-Shuttlebus vorschlagen. Auch Onlinebuchung von Tickets für Museen samt bestimmten Zeitfenstern, in denen man nicht in der Schlange stehen muss, können zur Entzerrung beitragen, sind die Forscher überzeugt.

Neben der Besucherlenkung für die Stadt Salzburg beschäftigen sich die Forscher auch mit ähnlichen Projekten für so unterschiedliche Destinationen wie Wagrain-Kleinarl, das Berchtesgadener Land und die Wolfgangseeregion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2021)