Ausbildung: "AHS-Lehrer fürchten um ihren Sonderstatus"

(c) Michaela Bruckberger
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Der Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann arbeitete an dem Entwurf zur "Lehrerausbildung neu" mit. Der Widerstand gegen die Reform verwundert ihn nicht.

Die Presse: Die Unterrichtsministerin bastelt an einer großen Reform. Wird ihre Umsetzungskraft dafür reichen?

Stefan Hopmann: Klar befürchte ich, dass die Kraft wie bei so vielen Schulreformen wieder nicht ausreichen wird. Wenn diese Reform gelingt, ist sie sicherlich die weitreichendste der vergangenen Jahrzehnte. Dass das Widerstand bei einzelnen Gruppen weckt, ist normal. Viele fürchten um ihre bisherigen Privilegien.

Wird es einen Klassenkampf zwischen Pflichtschul- und AHS-Lehrern geben?

Klassenkampf würde ich nicht sagen. Erstaunlich ist aber, dass der größte Widerstand aus dem AHS-Bereich kommt, obwohl sich dort am wenigsten ändert. Es kann sein, dass die AHS-Lehrer deshalb beunruhigt sind, weil ihr Sonderstatus als bestausgebildete Lehrer infrage gestellt wird.

Die Sonderstellung wird es bald nicht mehr geben. Die Lehrerausbildung soll künftig generell unter einem gemeinsamen Dach stattfinden.

Gerade diese Organisationsfrage ist derzeit noch offen. Wir sind uns aber einig, dass die gegenwärtigen Pädagogischen Hochschulen und Universitäten die ganze Bandbreite der neuen Lehrerbildung nicht anbieten werden können. Die einen wie auch die anderen müssen sich verändern.

Was muss geändert werden?

Den PH fehlt es ganz klar an Kapazität und forschungsbasierter Lehre, um auch Masterprogramme anbieten zu können. An den Universitäten fehlt eine klare Konzentration auf Lehrerbildung. Wie das Schlussprodukt aussehen wird, ob es künftig eine „pädagogische Universität“ geben wird, und welche Rolle Pädagogische Hochschulen und Unis dabei spielen werden, ist noch offen.

Keine der beiden Institutionen wird dabei gerne Kompetenzen abgeben.

Der Widerstand ist schon da. Die PH werden damit leben können, da ihr Kerngeschäft – die Ausbildung der Volks- und Hauptschullehrer – deutlich aufgewertet wird. Aber besonders an den Universitäten herrscht Unruhe. Wenn erhöhte Anforderungen an die pädagogische Ausbildung gestellt werden und eine vermehrte Zusammenarbeit mit den Schulen verlangt wird, dann ist das für viele Kollegen, die sich im akademischen Elfenbeinturm bewegen, eine unangenehme Begegnung mit der Wirklichkeit. Das ist der Sinn der Reform. Beide Institutionen müssen zeigen, dass sie den Anforderungen der neuen Lehrerbildungsreform gewachsen sind. Nicht alle PH werden alles anbieten können, und nicht alle Unis werden alles machen.

Vonseiten der Universitäten wurden bereits Vorwürfe laut, wonach durch die Reform die fachliche Ausbildung um 50Prozent gekürzt werde.

Das ist schlicht falsch. In keinem einzigen Fall vermindert sich der fachwissenschaftliche Teil. In den meisten Fällen erhöht er sich sogar deutlich.

Woher stammen diese Vorwürfe dann?

Die neue Lehrerausbildung führt ein neues Berufsbild ein: den „Assistenz-Lehrer“. Diesen benötigen wir zum Beispiel, um die Nachmittagsbetreuung sicherzustellen. Dazu ist keine derart weitreichende fachliche Ausbildung nötig. Dafür reicht ein Bachelor.


Braucht es dafür nicht auch Änderungen im Dienstrecht?

Wir bräuchten generell ein neues, aufgabenbezogenes Arbeits- und Dienstrecht. Die Ausbildungsreform kann aber auch dann umgesetzt werden, wenn die großen Hausaufgaben der Dienstrechtsreform nicht gelingen sollten, was im Moment nicht auszuschließen ist.

Ist die angestrebte praktische Umsetzung der Reform ab dem Jahr 2013 realistisch?

Um dieses Ziel zu erreichen, muss es jetzt schnell gehen. Alle entscheidenden Weichen müssten bis Jänner gestellt sein. Gelingt das nicht, wird man das Ganze um mindestens ein Jahr verschieben müssen.

Zur Person

Stefan Hopmann lehrt und forscht am Institut für Bildungswissen- schaft der Uni Wien. Er war Teil jener Expertengruppe, die die sogenannte „Lehrerausbildung neu“ konzipierte, an deren Umsetzung Unterrichtsministerium und Wissenschaftsministerium derzeit arbeiten. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2010)

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