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Mehr als Klassik im Kopfhörer

Musiktherapie. Seit 2008 ist Musiktherapie als Gesundheitsberuf anerkannt, eine neue Ausbildungsverordnung gibt es seit 2019.

Laut österreichischem Musiktherapiegesetz ist Musiktherapie eine eigenständige, wissenschaftlich-künstlerisch-kreative und ausdrucksfördernde Therapieform. Seit 2019 ist auch eine entsprechende Ausbildungsverordnung in Kraft: „Sie regelt unter anderem, wie viel Praxis man im klinischen Feld absolvieren muss, und formuliert die Ausbildungsziele aus“, erklärt Patrick Simon, Leiter der Bachelor- und Masterstudiengänge Musiktherapie an der IMC FH Krems. Im Wintersemester 2022/23 tritt dort ein neues Curriculum in Kraft, das diese Verordnung umsetzt. Den Masterstudiengang kann nur besuchen, wer auch bereits den Bachelor in der Tasche hat. Immer wieder würden sich zwar Menschen aus anderen Gesundheitsberufen bewerben, „allerdings scheitert die Aufnahme meistens an der Beherrschung eines Instruments“. Ausnahme sind einzelne Sozialpädagogen, die sich für eine therapeutische Ausrichtung entscheiden und in einem oder mehreren Instrumenten fit sind.

„Ein guter Musiktherapeut verwendet das Medium Musik, um damit einen nonverbalen Zugang zu seinem Klienten und dessen Innenleben herzustellen. Wird gemeinsam mit dem Klienten Musik gehört, respektiert er dessen musikalische Vorlieben und kulturelle Verankerungen“, sagt Cornelia Daxbacher, Vorstandsmitglied im Österreichischen Berufsverband der Musiktherapeuten. Um diesen Respekt an den Tag legen zu können, ist eines notwendig: „Der Musiktherapeut arbeitet nicht defizitorientiert, sondern versucht, durch den musikalischen Zugang neues Kreativpotenzial beim Klienten zu wecken und ihm zur gesundheitsfördernden Selbstwirksamkeit zu verhelfen“, sagt Daxbacher. Nach dem Master an der FH Krems können das Musiktherapeuten nicht nur im Angestelltenverhältnis, sondern auch als Selbstständige. Der Studiengang startet im Zwei-Jahres-Rhythmus und befähigt, quasi von der Wiege bis zur Bahre Menschen zu begleiten. „Wir arbeiten mit Schwangeren ebenso wie im Feld der Kinder- und Jugend-Psychiatrie und der Geriatrie“, erklärt Simon.


Neustart im Bologna-System

Die älteste akademische Musiktherapie-Ausbildung in Österreich ist jene an der Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW) in Wien. Dort läuft gerade das Diplomstudium aus, vor einem Jahr wurde das siebensemestrige Bachelorstudium parallel gestartet. „Dieser erste Bachelor-Jahrgang wird im Sommersemester 2024 auch der erste Master-Jahrgang sein“, sagt Thomas Stegemann, Leiter des Instituts für Musiktherapie an der MDW. Für das Vollzeit-Masterstudium ist eine Flexibilisierung des Curriculums mit der Möglichkeit der Schwerpunktsetzung geplant, etwa auf Musiktherapie mit Familien, Geflüchteten oder in der Kinderonkologie. Obwohl die gesundheitsfördernde Wirkung von Musik zu den Alltagserfahrungen vieler Menschen zähle, sei es „vielen Menschen – auch Fachleuten aus dem Gesundheitssektor – nicht bekannt, dass in Österreich Musiktherapie zu den gesetzlich geregelten Gesundheitsberufen gehört und dass ,Musiktherapie‘ eben nicht bedeutet, dass über Kopfhörer klassische Musik gehört wird.“

Musiktherapie ist speziell indiziert, wenn zur Behandlung die Sprache nicht oder nur beschränkt zur Verfügung steht, wenn Sprache hauptsächlich zur Abwehr von Gefühlen verwendet wird und bei Störungen aus der vorsprachlichen Zeit, die über ein nonverbales Medium am besten erreichbar sind.


Im System unterrepräsentiert

Als Gesundheitsberuf unterrepräsentiert erachtet Christian Münzberg aus dem Leitungsteam des interuniversitären Lehrgangs für Musiktherapie dieselbe: „Es fehlt an der Einbindung in die Strukturen der Gesundheitsversorgung, die Leitlinien und Krankenhauspläne sowie Fachausbildungen insbesondere in der Medizin.“ Viele Ärzte hätten immer noch keine Vorstellung von Musiktherapie mit deren Möglichkeiten wie indikationsspezifischer Förderung etwa in der physischen und psychischen Behandlung von Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma und mit Wachkomazuständen oder zur gezielten Angsttherapie bei Herzpatienten. „Es gibt nur wenig Musiktherapie in der Langzeitbehandlung von psychisch Kranken wie auch vielen anderen medizinischen Feldern, engagierte Ärzte unterstützen teils eher allgemeine Musikprojekte oder Gemeinschaftsereignisse mit Musik“, sagt Münzberg. Gegründet wurde der Lehrgang 2010 als Kooperationsprojekt von Kunstuni Graz, Uni Graz und Med-Uni Graz. Er ist berufsbegleitend und wird von Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern wie Pädagogik, Sozialarbeit und Kunst absolviert. Absolventen können auch das Masterstudium in Krems absolvieren. Da Universitätslehrgänge zur Gänze von den Studierenden finanziert werden müssen, hat man die Inhalte in ein Studium übergeführt. Bachelor- und Masterstudium starten im Studienjahr 2022/2023.

Web:https://impg.kug.ac.at, www.mdw.ac.at, www.fh-krems.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2021)