Curtis Harding, ein Wanderer zwischen den Musikwelten, legt mit „If Words Were Flowers“ eines der besten jüngeren Alben des Genres vor.
Zuletzt hatte Curtis Harding eine etwas zu starke Schlagseite Richtung Rock bekommen. Aber für sein drittes Opus hat er sich eines Besseren besonnen: Im Sog der aktuellen Soulwelle, die von Künstlern wie Durand Jones, The Monophonics und Anthony Hamilton getragen wird, präsentiert Harding mit „If Words Were Flowers“ sein bislang mit Abstand bestes Album.
Gleich der zweite Song zeigt, wie gut er es versteht, aus unterschiedlichsten Beigaben eine packende Dramaturgie zu erstellen. Ein trockener Hip-Hop-Beat, Gospelchor, flirrende Streicher, eine disziplinierte Bläsersektion und seine raue Soulstimme machen aus „Hopeful“ ein Manifest für eine Gesellschaft, die Differenzen nicht nur aushält, sondern positiv für sich nützt. In den disparaten Elementen des erdigen Sounds finden sich viele Vorlieben reflektiert. Sogar ein deliziöses Rockgitarrensolo bringt der Mann aus dem kleinen Städtchen Saginaw in Michigan unter. Die Metaphorik des Songtexts beschreitet den aus dem Gospel bekannten Weg von der Dunkelheit ans Licht: „Through black as a cloud in a war ridden sky, the lights will shine through 'til this bullshit blows by.“ Mit ruhiger Stimme erzählt der Sänger davon, wie er sich das Bewusstsein eines Kriegers erarbeitet hat. Von einer „melody“ ist da die Rede, „that moves and mediates evolution of change“.
Dieser Gestus der Vermittlung beherrscht das Album durchgehend. Vitale eigene Ideen mischen sich mit musikhistorischen Referenzen. Etwa in „The One“, in dem Harding fast jene theatralische Positivität entwickelt, für die in den späten Sechzigerjahren The Fifth Dimension standen: „I know loneliness, but I'm gonna try my best to be all that you need and a good friend.”
Nie im Faulbett falscher Harmonie
Ähnlich tönt er in der trocken groovenden Schlussnummer „I Won't Let You Down“. Nicht nur die imaginierten Frauen lässt er nicht im Stich. Es sind vor allem die Hörer, die von Hardings melodiösen Songs profitieren. Nie gerät er in süßliche Fahrwasser. Mit erdigen Rhythmen, pointierten Bläserarrangements und psychedelischen Effekten hält er Kurs Richtung innerweltlicher Erlösung – wie es im Soul üblich ist. Aber niemals will er sich im Faulbett falscher Harmonie zur Ruhe legen, glaubt man dem Text von „It's a Wonder“: „You got a different point of view, as long as you know we do too, so let us grow“, lautet darin seine Formel für Meinungsverschiedenheiten.
Die Chordamen seufzen dazu unisono, ein sanfter Rhythmus pocht. Alles, vom Querflötentriller bis zum Breakbeat, ist hier so verdammt geschmackssicher, dass selige Erinnerungen an die Soul-Arrangements der Siebziger aufkommen. Was für ein Könner! Was für eine Wonne!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2021)