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Schon seit 1919 gibt es von österreichischer Seite keinen Straßenzugang mehr in den March-Thaya-Zwickel.
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Grenzgebiet

Das war einst vermintes Terrain. Und heute?

Am Zusammenfluss von March und Thaya grenzen Österreich, die Slowakei und Tschechien aneinander. Die Natur hat sich die ehemals schwer bewachte Grenze zurückgeholt. Unser Autor hat nachgeforscht: Welche Spuren gibt es noch vor Ort?

Es gibt ein Echo, das man in der Stille hört. Zum ersten Mal vernahm ich es, als meine Klassenkameradin Magdalena in der Grundschule von ihrem Großvater erzählte. Sie habe ihn nicht gekannt, er habe sich in die Luft gesprengt. Magdalena kam aus Tschechien. Als sie geboren wurde, war das noch die Tschechoslowakei. Ich erinnere mich, wie sie ein großes selbst gemachtes Plakat mit in die Schule nahm, auf dem Fotografien ihres Opas und die Flagge ihres Heimatlandes zu sehen waren. Magdalenas Großvater wäre in einem unachtsamen Augenblick auf eine Tretmine gestiegen, erzählte sie und sah mich, über ihre eigenen Worte erschrocken, an. Ihr Opa war einer von vielen Soldaten, die ihr Leben verloren haben, als sie die zwischen 1948 und 1989 gesperrte Grenze, den sogenannten Eisernen Vorhang, bewachten. Ich wusste mir damals nichts unter einer Tretmine vorzustellen. Dennoch hörte ich den furchterregenden Knall, der ihm das Leben raubte.

Ich habe Magdalena seit meiner Schulzeit nicht wiedergesehen. In letzter Zeit muss ich aber öfter an sie denken. Der Grund dafür ist einigermaßen kurios. Über den Sommer verdiente ich mir etwas Geld, indem ich einen führerscheinlosen Biologen aus Wien mit dem Auto chauffierte. Im Augebiet zwischen Hohenau und Marchegg arbeitete er an einer Studie zum Gelsenvorkommen. Während Martin, so sein Name, stundenlang und teilweise mit schwerer Ausrüstung durch die Wälder stapfte, um nach Brutstätten und Tanzschwärmen zu suchen, begleitete ich ihn. Wir hielten uns vor allem an den vor Gelsen nur so wimmelnden Ufern von March und Thaya auf, also just in dem Grenzgebiet, in dem Magdalenas Opa ums Leben gekommen ist.

Das Dreiländereck zwischen Österreich, Tschechien und der Slowakei machte starken Eindruck auf mich. Am Zusammenfluss der beiden Wasserläufe befindet sich dieser geschichtlich und geografisch bedeutende Flecken Europas. Tatsächlich entsteht direkt auf dem unsichtbaren Grenzpunkt ein kleiner, durch die unterschiedlichen Strömungen der beiden Flüsse bedingter Strudel. Ich starrte ihn lange Zeit an, unfähig zu verstehen, dass alles, was von der Geschichte bleibt, eine sanfte Spirale im Wasser ist, in die sich vielleicht ein unvorsichtiger Zingel oder ein Eichenblatt verirrt. Auf österreichischer Seite zieren Fischerhüttchen auf Stelzen das Ufer. Ein Grenzstein mit einem schmucklosen „Ö“ markiert den Beginn oder das Ende des Staatsgebietes. Auf tschechischer und slowakischer Seite hat man sich mehr Mühe gegeben, dort sieht man Statuen und Landesflaggen.