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Tragische, weil ausweglos einsame Figur: Benedict Cumberbatch als Rinderzüchter Phil.
Netflix

"The Power of the Dog": Western gegen Westernklischees

Hier haben alle ihr Geheimnis: Jane Campions Verfilmung des Romans von Thomas Savage bricht mit der genretypischen Verehrung rauer Männlichkeit.

Liebe verneble den Blick, was gehasst wird, motiviere hingegen zum besseren Schreiben, merkte Thomas Savage (1915–2003) einmal an, der ein gutes Dutzend Westernromane über schwule Cowboys und repressive Geschlechternormen in ländlichen US-Gegenden des frühen 20.
Jahrhunderts geschrieben hatte. Seine literarische Energie bezog der homosexuelle Autor, der aus Anpassungsdruck eine Frau geheiratet hatte, aus seiner Wut auf die Machomentalität in den kargen Bauerndörfern von Idaho und Montana, wo er zur Zeit der Wirtschaftsdepression aufgewachsen war. Vor allem „The Power of the Dog“ (1967), von Kritikern gefeierter, aber kommerziell erfolglos, war aus seinem Zorn über die Misogynie, den Chauvinismus und die Homophobie entstanden, die der selbsterklärte Außenseiter in seiner Jugend erlebt hatte.

Ein junger, intellektueller Mann mit femininen Zügen (ein fiktionalisiertes Ego des Autors als Heranwachsender) duelliert sich darin mit seinem neuen Onkel (eine Verkörperung von Savages wirklichem Stiefonkel), einem ungehobelten Kraftmeier, der ihn und seine zerbrechliche Mutter systematisch schikaniert. Entgegen dem Genreklischee erweist sich das Mannsbild jedoch als uneingestanden schwul und sein empfindsamer Rivale als ihm überlegen. So markierte Savages queerer Western einen frühen Bruch mit der genretypischen Verehrung des maskulinen Cowboys und seiner archaischen Umgebung, die in der konservativen amerikanischen Folklore gern idealisiert wird.

Der Trailer zum Film:

Die Neuseeländerin Jane Campion, bekannt durch ihre feministischen Psychodramen in historischen („Das Piano“) und ruralen Settings („Top of the Lake“), hat das notwendige Faible für weitläufige Landstriche und das Interesse an den dort herrschenden Genderstereotypen, um als Regisseurin einer filmischen Adaption die perfekte Wahl zu sein. Die hügelige Wüstengegend, in der ihre Verfilmung angesiedelt ist, wirkt in gelegentlichen Panoramen erhaben, aber nie idyllisch oder magisch. Die Figuren muten roh und authentisch an, aber nie einfältig oder leicht durchschaubar.

Kirsten Dunst als heimliche Trinkerin

Alle haben ein Geheimnis. Phil, der Grobian, den der normalerweise auf charmante Briten abonnierte Benedict Cumberbatch mit bewundernswertem Mut zur ungepflegten Erscheinung spielt, verbirgt einen wesentlichen Teil seiner Identität. George, sein phlegmatischer Geschäftspartner, der nicht minder bravourös von Jesse Plemons („I'm Thinking of Ending Things“) verkörpert wird, blendet die psychischen Folgen, die das toxische Gehabe seines Bruders für andere hat, rigoros aus. Rose, die Frau, die er aus Liebe geheiratet hat (ebenfalls überzeugend: Kirsten Dunst), beginnt aus Unmut über die hingenommenen Zustände heimlich zu trinken. Ihre in Wäscheschränken und unter der Bettdecke versteckten Schnapsflaschen werden vom Papierblumen bastelnden Sohn, der unlängst zum Studieren in die Stadt gezogen ist, und ihrem harmoniesüchtigen Gatten zwar zeitweise bemerkt, aber verdrängt.

Während sich die verhängnisvolle Figurendynamik aus der Sprachlosigkeit und dem Schweigen der Betroffenen über die Ausfälle ihres tyrannischen Quälgeists ergibt, bezieht die Inszenierung einen anderen Effekt aus der allgemeinen Geheimnishaftigkeit: Erklärungen für charakterliche Eigenheiten werden meist nur angedeutet, seltene Gefühlsausdrücke mit Diskretion behandelt, die Spannung entsteht fast komplett daraus, was die Figuren nicht oder nur verdeckt zueinander sagen. Die Stimmung ist komplex und unergründlich wie in einem Noir-Thriller. Am erstaunlichsten ist jedoch, wie Campion die Balance zwischen Abneigung und Empathie für ihre Figuren meistert.

Es wäre übertrieben, in Phil ein reines Opfer der Tabuisierung von Homosexualität und der Idealisierung maskuliner Härte zu sehen. Er ist fraglos ein Scheusal, das man ein Stück weit hassen darf. Seine neurotische Eifersucht und sein Abwehrverhalten gegenüber Nähe, Emotionalität und Zärtlichkeit lassen gleichwohl Mitleid für ihn aufkommen. Weil er keine Widerrede fürchten muss, darf er ungehindert wüten, kann aber nicht geheilt werden. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, aber zumindest zu einer tragischen, weil ausweglos einsamen Gestalt.

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