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Der ökonomische Blick

Wie sich die Realität vom marktwirtschaftlichen Modell entfernt

Ein Lager von Amazon: Das Internet wird von wenigen „Giganten“ dominiert.
Ein Lager von Amazon: Das Internet wird von wenigen „Giganten“ dominiert.REUTERS
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Die Volkswirtschaftslehre wird nur erfolgreich bleiben, wenn sie ihren Hauptstrom auf die drängenden Fragen der Zeit richtet: Wohin treiben die großen ökonomischen Kräfte?

„Jedes Zeitalter [hat] eigene Probleme, die das kommende Zeitalter löst oder als unfruchtbar zur Seite schiebt“. Vor diesem Hintergrund hat Hilbert 1900 eine Liste von Problemen vorgelegt „um einen Blick zu werfen auf die bevorstehenden Fortschritte unsrer Wissenschaft“ [in seinem Fall Mathematik]. Was sind die Probleme der Volkswirtschaftslehre, die die künftige Generation lösen oder beiseiteschieben wird?

Entsprechende Flughöhe vorausgesetzt, zeigt sich die Geschichte der modernen Volkswirtschaftslehre als Arbeitsprogramm zu individuellem Verhalten, Interaktion auf Märkten, Wettbewerb und ökonomischer Funktion des Staates. Die theoretische Fundierung dieses Programms hat mit der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie einen gewissen Abschluss gefunden und durch die Makroökonomie im Gefolge von Keynes eine wichtige Ergänzung erfahren.

Das Ergebnis kann in zwei Hauptsätzen zusammengefasst werden. Erstens, unter bestimmten Bedingungen ist die Marktwirtschaft effizient. Zweitens, die richtige Umverteilung vorausgesetzt, kann jede effiziente Allokation marktwirtschaftlich realisiert werden. Die Bedingungen sind: autonome individuelle Präferenzen, vollständige Märkte und vollkommener Wettbewerb auf allen Märkten.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Ökonomische Staatsfunktionen ergeben sich dort, wo Bedingungen verletzt sind:
i. Bereitstellung öffentlicher Güter und Internalisierung externer Effekte, wenn etwas nicht vollständig durch einen Markt fassbar ist.
ii. Regulierung und Wettbewerbspolitik, um Marktmacht zu verhindern oder zu zerschlagen.
iii. Verteilungspolitik, die sicherstellt, dass das Marktergebnis nicht nur effizient, sondern auch fair ist. Die Makroökonomie hat die gesamtwirtschaftliche Stabilisierungsfunktion hinzugefügt.

Vor diesem Hintergrund sei die Frage noch einmal gestellt: Was sind heute die Probleme der Volkswirtschaftslehre? Für eine Antwort möchte ich an vier Beispielen aufzeigen, wie weit sich die ökonomische Realität vom marktwirtschaftlichen Modell entfernt hat.

Eigenständige Präferenzen: Im vorherrschenden Geschäftsmodell der netz- und datenbasierten Ökonomie sind individuelle Präferenzen ein Objekt, das man als Nutzerprofile verkauft und mit Hilfe künstlicher Intelligenz „verbessert“ (indem man den Menschen „einen Focus gibt“ und „eine Richtung für ihr Verhalten“, Google Video 2018).

Marktpreise als Informations- und Koordinationsinstrument: Die Tatsache, dass es „einen Preis für jedes Gut gibt“ informiert die Wirtschaftssubjekte konzis über den Markt (Hayek 1945). Die digitale Ökonomie stellt Hayek auf den Kopf und präsentiert stattdessen zugeschnittene Angebote mit personalisierten Preisen. Und es wird nicht ein bestimmtes Gut gegen seinen Preis getauscht, sondern ein Mix von Gut und Daten.

Wettbewerb: Das Konzept des kompetitiven Gleichgewichts kennt keine Marktmacht, alle Marktteilnehmer sind Preisnehmer. Im scharfen Kontrast dazu sind wichtige Bereiche der Wirtschaft von mächtigen globalen Akteuren bestimmt, nicht nur am Gütermarkt, auch die Eigentumskonzentration steigt und das Internet wird von wenigen „Giganten“ dominiert. Selbstverständlich, die Realität gleicht niemals dem Ideal, aber es gibt eine Grenze, an der wissenschaftliche Konzepte zu losem Jargon werden, der Realitäten verdrängt statt zu reflektieren.

Vermögens- und Einkommensverteilung: Zwei Entwicklungen führen in eine neue Dimension: Der globale Wettbewerb um Aufmerksamkeit - „the winners take it all“; und die Spaltung des Finanzmarkts - mit guten Renditen für vermögende Investoren (die Risiko tragen können) und Nullzinsen für Sparer, die sichere Anlagen brauchen, um für Notwendiges vorzusorgen.

Die Volkswirtschaftslehre hat im Lauf der Geschichte verschiedene Wendungen genommen. Sie wird erfolgreich bleiben, wenn sie ihre Grundlagen an den neuen Realitäten überprüft und ihren Hauptstrom auf die drängenden Fragen der Zeit richtet: Wohin treiben die großen ökonomischen Kräfte? Wie können sie gesteuert werden, um fairen und nachhaltigen Fortschritt zu ermöglichen und die Vision einer Gesellschaft von freien und mündigen Menschen aufrecht zu erhalten?

Beispiele für das damit verbundene Arbeitsprogramm wären: Geschäftsmodelle und Ordnungsregeln für die netz- und datenbasierte Ökonomie, die dezentrale Interaktion, öffentliche Diskussion und Entscheidungsfindung transparent unterstützen und Konsumentensouveränität schützen. Wettbewerbspolitische Leitlinien und Regulierungsinstrumente zur Bekämpfung globaler Marktmacht und Brechung ökonomischer Konzentration – am Gütermarkt, beim Vermögen und im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Re-fokussierung des Finanzsystems von der Suche nach hohen Renditen hin zu zuverlässigen Dienstleistungen für die intertemporalen Bedürfnisse der Menschen und Betriebe. Stärkung der Funktionsfähigkeit des öffentlichen Sektors – in den herkömmlichen Funktionen, im professionellen Management systemischer Krisen und bei der strategischen Rahmensetzung für eine nachhaltige Wirtschaft.

Der Autor

Josef Falkinger ist Emeritus der Universität Zürich, wo er ab 2000 Professor für Finanzwissenschaft und Makroökonomie war und zuletzt das Projekt „Governance 2020+“ leitete. Davor hatte er Professuren an den Universitäten Regensburg und Graz. Er studierte Mathematik und Volkswirtschaftslehre in Linz.

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