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"Bild"-Interview mit Josef F.: "Faszination des Bösen"

(c) Michaela Bruckberger
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Das Gespräch mit dem verurteilten Täter Josef F. in der Justizvollzugsanstalt Stein war nicht genehmigt. Auch ein Video wurde gemacht. Darf ein Medium einem Schwerverbrecher überhaupt eine solche Bühne geben?

Der Witz mit den Österreichern und ihrer Vorliebe für Keller (Stichwort: „Land der Keller, zukunftsreich“) wird nun wohl wieder öfter die Runde an deutschen Stammtischen oder in Internetforen machen. Das größte Boulevardblatt in Deutschland titelte in seiner Montagausgabe mit der Schlagzeile: „Bild bei Josef F. So lebt das Inzest-Monster im Knast.“ Ein Reporter hatte den zu lebenslanger Haft verurteilten 75-jährigen Josef F. in der Justizvollzugsanstalt Stein besucht und nicht nur interviewt, sondern auch Videoaufnahmen von dem Gespräch gemacht.

Das Wiener Justizministerium ließ, aufgrund des Feiertags einen Tag verspätet, am Dienstag wissen, dass das Interview nicht von der zuständigen Vollzugsdirektion genehmigt worden war. Die betreffende Zeitung habe gar nicht um eine Genehmigung angesucht. Wie der Reporter samt Kamera in die Verhörzone der JVA Stein gekommen war, wollte am Dienstag in der Vollzugsdirektion niemand sagen. Es werde noch ermittelt, hieß es. Paul Hefelle, Sprecher der Justizministerin, sagt zur „Presse“, dass der Anwalt des Josef F. „seine privilegierte Stellung ausgenützt“ und den Reporter als seinen Mitarbeiter ausgegeben habe. Die Pressestelle der „Bild“ wies die Anschuldigungen am Dienstag gegenüber der „Presse“ zurück. „Der Reporter hat sich nie als Mitarbeiter des Anwalts ausgegeben.“ Als Besuchsgrund habe er ein „Verlagsgespräch“ über das geplante Buchprojekt von Josef F. angegeben. Auch seien alle Gegenstände, die er in die Verhörzone mitgenommen hatte, von den Justizwachebeamten genehmigt worden.

 

Schadenfreude über die Nachbarn?

Dass die Deutschen noch vor einem heimischen Medium ein Interview mit dem zur Zeit wohl berühmtesten Verbrecher Österreichs gemacht haben, ist allerdings weniger ungewöhnlich, als manche glauben. Schon kurz nach der Freilassung der missbrauchten Tochter des Josef F. waren es deutsche und britische Medien, die ein besonderes Interesse an Interviews mit den Opfern zeigten. Der Kommunikationswissenschaftler Peter Vitouch von der Universität Wien sieht die Deutschen in dieser Sache „in einer guten Situation, weil es sich um einen horriblen Fall handelt, der nicht in ihrem Land passiert ist“. Das sei den Lesern leichter zumutbar. Zudem spiele auch die Schadenfreude über ein solches Verbrechen im Nachbarland eine große Rolle.

„Scheckbuchjournalismus“ nennt Vitouch Interviews wie dieses. Weil in der Branche bekannt ist, dass große Boulevardblätter durchaus bereit sind, sich solche Geschichten mit hohen Summen zu erkaufen. „Das wäre in Österreich allein schon wegen der fehlenden Kapitalstärke der Medien nicht möglich“, sagt Vitouch. Ein Sprecher der „Bild“ sagt auf Anfrage zur „Presse“ allerdings, dass die Zeitung an Josef F. kein Geld bezahlt habe. Übrigens: Es ist nicht so, dass österreichische Medien nicht bereits versucht hätten, ein Interview mit Josef F. zu bekommen. Es hat mehrere Anfragen bei der Vollzugsdirektion gegeben, die nicht genehmigt wurden, sagt Sprecher Paul Hefelle.

Die eigentliche Frage ist aber: Muss, ja darf, ein Medium jemandem wie Josef F., der seine Tochter jahrelang in einem Keller festhielt, sexuell missbrauchte und mit ihr sieben Kinder zeugte, eine Bühne geben? Peter Vitouch hält es ethisch für verwerflich, solche Interviews abzudrucken. Weil Josef F. keinerlei Reue zeige. Er scheine sogar mit seiner „Weltberühmtheit“ zu kokettieren. Dazu habe das Massenpublikum zweifellos ein Interesse an Massenmördern und Schwerverbrechern. Das sei die „Faszination des gezähmten Bösen“: In Haft können diese Figuren niemandem mehr gefährlich werden. Allerdings sind Interviews mit Häftlingen keine Seltenheit. Auch Jack Unterweger und Udo Proksch haben nach ihrer Verurteilung Interviews gegeben. Und auch in ihren Fällen gab es Opfer und Hinterbliebene, deren Schutz gegen das Informationsbedürfnis abzuwägen gewesen wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2010)