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Unterwegs

Grenzen die einem die Augen öffnen

GRODNO REGION, BELARUS
GRODNO REGION, BELARUS(c) imago images/ITAR-TASS (Sergei Bobylev via www.imago-images.de)
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Der Wald von Białowieża, die Strände der Côte d'Opale: Urlaubsorte als Kulisse von Tragödien.

Mir scheint, das Weltgeschehen verfolgt mich: Im Sommer verbrachte ich wunderbare Tage an der polnisch-belarussischen Grenze im Naturschutzgebiet Białowieża, wo Wisent und Wolf einander „Dobra Noc“ sagen. Heute kann man dort als Zivilist nicht hin, es liegt in jener Sperrzone, welche die polnische Regierung angesichts der von Diktator Alexander Lukaschenko herbeigeführten Migrationskrise verordnet hat. Mich schaudert bei dem Gedanken, dass dort, wo wir dieses schöne Eck Europas bestaunten, heute Migranten im Wald erfrieren.
Am Ende des Sommers hängten wir noch eine Woche an der Côte d'Opale an. Doch schon damals plagten mich düstere Vorahnungen. Denn genau aus dieser Gegend machen sich seit Monaten immer mehr Migranten per Schlauchboot, bisweilen gar per Kajak, auf den Weg zur trügerisch nahe scheinenden englischen Küste. Wir sahen sie nicht, die Schlepper schickten sie nachts oder frühmorgens ins Wasser. Seit vorletzte Woche 27 Migranten hier ertranken, hat die Côte d'Opale traurige Weltberühmtheit erlangt. Immer wieder klicke ich mich nun durch die Websites der Lokalzeitungen. Da, auf dem Wanderweg bei den Dünen am Fluss Slack, wo wir uns mit Brombeeren vollstopften: 200 Migranten im Novemberregen, teils ohne Schuhe, viele kleine Kinder. Dort, am Strand von Wimereux, wo ich gern Strandsegeln würde, die Wracks von Schlauchbooten. Man kann über die „Festung Europa“ fabulieren, so viel man will: An ihren Grenzen zeigt sich, dass wir die Augen vor dem Zustand der Welt nicht schließen können.

Mail: aussenpolitik@diepresse.com


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