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Wort der Woche

Aus den Augen, aus dem Sinn

(c) imago images/YAY Images (Scott Griessel via www.imago-images.de)
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Das Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ gilt auch für unsere Einschätzung von Risken: Wir fürchten uns vor Dingen, mit denen wir direkt – persönlich oder medial – konfrontiert sind.

Es ist eine alte Weisheit: Wir fürchten uns häufig vor dem Falschen. Vor einigen Jahren hat das die Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) schön belegt: Laut Umfragen halten die Österreicher genetisch veränderte Organismen, Pestizide, Radioaktivität und Zusatzstoffe für die größten Risken bei Lebensmitteln. Dem wurde die Ansicht von Wissenschaftlern gegenübergestellt – diese schätzen krankmachende Mikroorganismen, Fehlernährung, Pilzgifte und Allergene als die größten Ernährungsrisken ein. Dazwischen liegen also Welten.

Wovon hängt es ab, was wir Menschen als riskant einstufen? Die Wissenschaft hat dafür bereits viele Einflussfaktoren gefunden. Diese reichen von emotionalen, kognitiven und kulturellen Faktoren über Medienberichterstattung, Vertrauen und Wissen bis hin zu persönlicher Erfahrung. Wie entscheidend letzterer Punkt ist, konnte nun eine von Giuliano Di Baldassarre (Uni Uppsala) geleitete Forschergruppe mit österreichischer Beteiligung erhärten: Die Analyse von großen Umfragen in Italien und Schweden aus dem August und November 2020 ergab z. B., dass das Risiko durch Terror in Schweden (wo es 2017 einen Anschlag gab) als viel höher eingeschätzt wird als in Italien (wo es in jüngster Zeit keine Vorfälle gab).

Ähnliches gilt für Folgen des Klimawandels: In Italien ist die Angst vor Dürre und Überschwemmungen sehr groß – zuletzt gab es dort etliche solche Ereignisse; in Schweden hingegen dominieren Sorgen wegen Waldbränden (von denen das Land jüngst besonders betroffen war). Und auch in Sachen Corona ist dieser Einfluss zu sehen: In Zeiten hoher Inzidenz wird das Risiko von Pandemien höher bewertet als in Zeiten mit weniger Fällen (Natural Hazards and Earth System Sciences 21, 3439).

Wir fürchten uns also viel mehr vor etwas, was uns unmittelbar vor Augen steht bzw. was in Medien stark thematisiert wird. Bester Beweis dafür ist das „Allianz Risk Barometer“, in dem alljährlich 2700 Risikomanager aus aller Welt über die größten Geschäftsrisken befragt werden. In den vergangenen Jahren waren dabei stets Geschäftsunterbrechungen und Cybersecurity unter den Spitzenreitern, und obwohl Experten schon seit Langem vor Pandemien warnen, wurden diese von den Finanzmanagern einfach nicht wahrgenommen – sie waren niemals in den Top Ten der größten Risken. Welch ein Umschwung bei der heurigen Ausgabe des Risiko-Barometers, in dem Pandemien plötzlich auf Platz zwei liegen . . .


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com
diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2021)