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Interview

Édouard Louis: „Ich schreibe gegen die Literatur“

„Meine Mutter und ich waren beide Opfer männlicher Dominanz. Aber das brachte keine Nähe, es trennte uns.“
„Meine Mutter und ich waren beide Opfer männlicher Dominanz. Aber das brachte keine Nähe, es trennte uns.“AFP via Getty Images
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Sein Debüt über eine homosexuelle Kindheit machte ihn zum Starautor: Édouard Louis über die Befreiung seiner Mutter, Handke und warum er „die Armen“ nicht selbst sprechen lassen will.

Wien und Édouard Louis – das ist so eine Sache. Seit ihn der autobiografische Roman „Das Ende von Eddy“ über Homophobie und Fremdenhass im ländlichen Arbeitermilieu mit 21 Jahren berühmt machte, hätte der französische Autor mehrmals hier auftreten sollen, stets kam etwas dazwischen. Nun hat der Lockdown die Präsentation seines neuen Buchs im Burgtheater verhindert. „Die Presse am Sonntag“ traf ihn dennoch zum Gespräch – über seinen Mutterroman „Die Freiheit einer Frau“, Klassenrassismus und Schreiben als Kriegserklärung.

Die Presse: In „Das Ende von Eddy“ haben Sie ein vernichtendes Bild des Arbeitermilieus in der französischen Provinz gezeichnet – anhand Ihrer eigenen Familie. Ihr neuer Roman ist ein sehr berührendes Porträt Ihrer Mutter: eine Korrektur, eine Wiedergutmachung?

Édouard Louis: Ich nehme nichts zurück von dem, was ich in „Das Ende von Eddy“ geschrieben habe. Dort wollte ich vom Aufwachsen als Homosexueller schreiben, und da war meine Mutter die, die sich für mich geschämt hat, die mir als Kind angewidert sagte, du redest wie ein Schwuler . . . Wenn ich jetzt ihr Leben schildere, und wie sie unter meinem Vater gelitten hat, versuche ich einen zusätzlichen Raum der Realität zu rekonstruieren. Mit meinem Vater ist es dasselbe. Er war ein schlecht bezahlter Fabriksarbeiter, mit 55 hatte er einen kaputten Rücken und konnte nicht mehr arbeiten. Wenn ich ihn als Angehörigen einer bestimmten sozialen Klasse beschreibe, ist er für mich ein Opfer. In Bezug auf meine Mutter aber war er ein Henker, weil er ihr gesagt hat, du gehst nicht arbeiten, machst nicht den Führerschein, schminkst dich nicht, bleibst zu Hause.

 

Je nach Blickwinkel kann eine Person ganz unterschiedlich sein, meinen Sie?