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Mein Dienstag

Orte der Sehnsucht

News Themen der Woche KW47 News Bilder des Tages The sky turns red before the sun rises behind the Manhattan skyline fro
Die Skyline von New York City.imago images/UPI Photo
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Ein Ort, dessen Faszination und Anziehungskraft nur wir selbst verstehen… wer kennt das nicht?

Es gibt da diese Szene in dem außergewöhnlich melancholischen Film „The Sun Is Also a Star“ (2019). Hauptfigur Natasha (Yara Shahidi) lässt ihren Blick über die Skyline von New York schweifen, wird wehmütig und sagt mit brüchiger Stimme zu einer Zufallsbekanntschaft: „Ich liebe diese Stadt. Hier bin ich aufgewachsen. Sie ist meine Heimat.“ Schlagartig wird klar, wie tief ihre Verbindung zu New York ist und warum sie so handelt, wie sie handelt.

Eine Frage bleibt aber unbeantwortet – die nach dem Grund ihrer Liebeserklärung. Denn in ihrem noch kurzen Leben – sie spielt eine etwa 18-jährige Schülerin – hat sie nicht gerade die Zuckerseite der Stadt kennengelernt. Mit ihrem Bruder und ihren Eltern wohnt sie in einem kleinen Apartment, für das die Bezeichnung „Loch in der Wand“ erfunden wurde. Ihre Familie war immer arm und musste sich ständig bedeckt halten, weil sie sich illegal in den USA aufhält. Jetzt droht ihr die endgültige Abschiebung nach Jamaica. Wer würde unter diesen Umständen in New York bleiben wollen?

Diese Frage hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Ich wollte verstehen, was es mit ihrer Beziehung zu dieser Stadt auf sich hat. Bis mir die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens bewusst wurde, denn ich verstehe nicht einmal, warum ich selbst mich in London so wohlfühle. Und zwar von der Minute an, in der das Flugzeug am Heathrow Airport landet. Seit 20 Jahren. Ja, es wird schon ein seltsames Zusammenspiel an Erinnerungen, Verklärungen und Erwartungen dahinterstecken, aber wann sie entstanden sind, bleibt ein Mysterium.

So ist das wohl mit der Sehnsucht. Und mit Sehnsuchtsorten, von denen jeder von uns einen hat. Bei manchen ist es die Heimatstadt, bei den meisten irgendeine andere – aus Gründen, die sehr persönlich und kaum zu vermitteln sind. Daher ist es auch so einfach, sich in der eingangs erwähnten Szene wiederzuerkennen. Und in vielen anderen Filmen, in denen es um Rückkehr, Heimkommen oder Fernweh geht. Auch, wenn sie im Lockdown vor allem Nostalgie und Weltschmerz auslösen. Weil sie uns daran erinnern, dass wir unsere Sehnsucht nicht so bald stillen können.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com