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Randerscheinung

Nie, nie über den geschlossenen Bahnübergang

Carolina Frank
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An welche Regeln wir uns strikt halten, und an welche partout nicht.

Ich stehe also mit meinem Rad vor diesem Bahnschranken. Dort stehe ich häufig auf dem Weg in die Arbeit. Das ist insofern bemerkenswert, als ich sonst nur noch einmal stehen ­bleiben muss, wenn ich knapp vor der Ankunft in der Redaktion vom Radweg am Fluss über die Lände muss. Dort ist so ein Placebo-Button installiert. Egal, ob man draufdrückt oder nicht, es dauert immer gleich lang, bis es grün wird. Aber noch ist es nicht so weit, ich stehe ziemlich am Anfang der ­Strecke vor dem Bahnübergang. Und das schon ziemlich lang. Bis zu acht Minuten bin ich hier schon gestanden, in der Zeit sind aber nie mehr als drei Züge (S-Bahn, Regionalexpress etc.) gekommen.

Den Schranken zwischen den einzelnen Zügen zu öffnen ist offenbar keine Variante. Obwohl man doch Fahrzeuge auf den Meter genau tracken kann und das Auf- und ­Zugehen des Schrankens maximal 30  Sekunden dauert. Neben mir bleibt eine Rennradfahrerin stehen. Inzwischen haben sich auf beiden Seiten der Gleise nicht nur lange Autoschlangen gebildet, sondern es stehen auch viele Radler und Fußgänger da, die in der Kälte warten. Die Frau schaut sich das Ganze eine Weile an und sagt dann zu mir: „Das gibt es auch nur in Österreich. Weit und breit kein Zug und trotzdem geht keiner drüber, bei uns in Polen würde niemand so lang warten.“

Ich muss lachen und sage dann, dass mir als Kind fast nichts so scharf eingebläut wurde wie nie, nie, unter gar keinen Umständen bei geschlossenem Bahnübergang über ein Gleis zu gehen. Außer vielleicht noch das Verbot, bei jemandem Fremden ins Auto zu steigen. Inzwischen ist der Schranken nach dem dritten Zug doch noch aufgegangen und alle fahren weiter. Schon komisch, an welche Regeln wir uns strikt halten. Und an welche partout nicht. 

("Die Presse Schaufenster" vom 03.12.2021)