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Der ökonomische Blick

Wie sich Corona-Regeln und Lockdowns auf die Impfbereitschaft auswirken

APA/AFP/CHRISTOF STACHE
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Ende Oktober lag der Anteil von Erstimpfungen an der österreichischen Gesamtbevölkerung bei rund 67 Prozent. Wie hat sich das in den vergangenen Wochen verändert?

Im Herbst 2021 steckt Österreich seit März 2020 zum vierten Mal in einem Corona-Lockdown. Am 13. Dezember soll er enden und zumindest in den wichtigen Lebensbereichen vorsichtige Öffnungen zulassen. Der Entscheidung für abermalige Ausgangsbeschränkungen ging eine beispiellose Infektionsdynamik voraus, die schon im Oktober einsetzte und Mitte November ihren Höhepunkt erreichte (7-Tagesinzidenz: 1,100). Haupttreiber der vierten Infektionswelle waren neue Virusvarianten, die sich im Herbst schneller und effektiver ausbreiteten. Demgegenüber verlief die öffentliche Impfkampagne enttäuschend. Ende Oktober lag der Anteil von Erstimpfungen an der Gesamtbevölkerung bei etwa 67 Prozent, was nach allgemeiner Auffassung zu gering ist, um die Pandemie einzudämmen.

Angesichts dieser Ausgangslage musste die österreichische Bundesregierung rasch reagieren. Ihre Maßnahmen zielten auf die unmittelbare Eindämmung des Infektionsgeschehens, aber auch auf eine Erhöhung der Impfbereitschaft in der Bevölkerung ab: Am 4. November wurde die Einführung der 2-G-Regel (geimpft oder genesen) bekannt gegeben und am 8. November umgesetzt. Ab 15. November wurde für Ungeimpfte ein Lockdown verhängt, der am 22. November auf alle Staatsbürger ausgeweitet wurde. Zeitgleich wurde am 19. November eine allgemeine Impfpflicht lanciert, die am 1. Februar 2022 in Kraft treten soll.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Neben anekdotischen Beispielen (z.B. eine Impflicht für über 60-Jährige in Griechenland) existiert bislang wenig systematische Evidenz über die Wirksamkeit von Initiativen zur Erhöhung der Impfbereitschaft. Dieser Beitrag versucht diese Lücke zu schließen. (1) Wir beziehen uns dabei auf das Impfgeschehen an der österreichisch-deutschen Grenze nach Umsetzung der erwähnten Corona-Regeln in Österreich. Da in Deutschland entsprechende Maßnahmen erst spät diskutiert wurden, liefert der Vergleich von österreichischen mit deutschen Grenzregionen eine ideale experimentelle Situation, deren Ergebnis auch kausal interpretiert werden kann.

Entlang der Landesgrenze zwischen Österreich und Deutschland liegen 16 Bezirke und 13 Landkreise. Wir vergleichen die Impfquoten in den 16 Bezirken (Treatmentgruppe) mit jenen in den 13 Landkreisen (Kontrollgruppe) vor und nach der Einführung einer Intervention (zunächst 2G-Regel, dann Lockdown für Ungeimpfte und schließlich allgemeiner Lockdown). Die Impfquote wird als Anteil von Erstgeimpften zur gesamten Bevölkerung in einer Region gemessen, weil darin eine mangelnde Impfbereitschaft am besten zum Ausdruck kommt. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 4. Oktober bis 4. Dezember 2021.

Die folgende Abbildung zeigt die Differenz zwischen den Impfquoten in den deutschen und österreichischen Grenzregionen. Zu Beginn des Beobachtungszeitraums lag die Impfquote in den österreichischen Grenzbezirken bei durchschnittlich 61,1 Prozent, während die deutschen Landkreise eine Quote von 57,2 Prozent aufwiesen. Dies entspricht einer Differenz von 3,9-Prozentpunkten, sie wird in der Abbildung als Ausgangspunkt verwendet (auf Null normiert). Am 4. Dezember beträgt dieser Unterschied sieben Prozentpunkte (Österreich: 68,0 Prozent, Deutschland: 61,0 Prozent). Auf den gesamten Vorher-/Nachher-Unterschied von 3,1-Prozent-Punkten gehen zwei Prozentpunkte kausal auf die österreichischen Corona-Regeln zurück. Bei genauerer Betrachtung sind in den fünf Wochen vor Ankündigung der 2G-Regel keine wesentlichen Veränderungen in den Unterschieden der Impfquoten zwischen Landkreisen und Bezirken feststellbar. Erst um Ende Oktober (grauer Balken) beginnen erste Diskussionen um die 2G-Regel. Diese schlagen sich in einem Anstieg der relativen Impfbereitschaft nieder, was durch die Ankündigung der 2G-Regel am 4. November (strichliierte Linie) noch weiter verstärkt wird. Der stärkste Anstieg ist unmittelbar nach Einführung der 2G-Regel erkennbar. Dieser flacht nach der Verhängung des Lockdowns für Ungeimpfte etwas ab und erhält nach dem allgemeinen Lockdown einen weiteren Dämpfer.

Unsere Evidenz legt nahe, dass die Corona-Regeln der Bundesregierung zu einer Erhöhung der Impfbereitschaft beigetragen haben. Der kausaler Effekt von zwei Prozentpunkten erscheint zunächst gering. Zieht man allerdings in Betracht, dass die Impfquote im Zeitraum zwischen Anfang August und Ende Oktober um 6 Prozentpunkte (von knapp 56 Prozent auf etwa 62 Prozent) gestiegen ist, dann ist ein rein kausaler Anstieg um zwei Prozentpunkte innerhalb des deutlich kürzeren November-Zeitfensters beachtlich. Der stärkste Effekt ist rund um die Ankündigung und Umsetzung der 2G-Regel erkennbar. Der Lockdown für Ungeimpfte konnte diesen Effekt nicht verstärken. Nach dem allgemeinen Lockdown vom 22. November schwächt sich die Impfbereitschaft relativ zu den deutschen Landkreisen ab, was auch damit zusammenhängen könnte, dass ab Mitte November auch in Deutschland eine Erhöhung der Impfbereitschaft in den Fokus der politischen Diskussion geraten ist. Die Auswirkungen der angekündigten Impfpflicht lassen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.

Die Autoren

Kevin Kloiber ist Doktorand an der Ludwig-Maximilians-Universität München und am ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragungen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Arbeitsmarkt- und Gesundheitsökonomik.

Andreas Peichl ist Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Finanzwissenschaft und in Fragen der Verteilung und Ungleichheit.

Hannes Winner ist Universitätsprofessor am Fachbereich Volkswirtschaftslehre der Universität Salzburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Finanzwissenschaft, der Gesundheitsökonomik und in der Angewandten Ökonometrie.

1) Kloiber, K., Peichl, A. und H. Winner. 2021. Schnitzelpanik als Impfturbo? Die Auswirkungen von 2G-Regeln und Lockdowns auf die Impfquote in Österreich, ifo-Schnelldienst digital, 8.12.2021.

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