Morgenglosse

Die Jahreszeit der Liste

(c) Screenshot: Die Presse
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Jahresresümees und Bestenlisten führen jedes Jahr aufs Neue zur Erkenntnis: Man hat wichtige Dinge völlig verpasst.

Das zweite Pandemiejahr 2021 war gefühlt viel zu lange und dann doch wieder zu kurz, jedenfalls der Dezember. Nicht wegen weihnachtlichen Besorgungen oder dem Wunsch, nach Lockdown IV noch mehr Gelegenheiten für kollektives Betrinken mit gezuckerten Alkoholheißgetränken zu haben. Sondern wegen der Anfang bis Mitte Dezember erscheinenden Jahresresümees: der Bestenlisten. Mit Büchern, Alben, Filmen, Ausstellungen, Fernsehserien etc. Die Lektüre dieser Listen führt jedes Jahr aufs Neue zur Erkenntnis: Man hat wichtige Dinge völlig verpasst.

Bis Ende des Monats blieb also Zeit nachzuhören, reinzulesen und querzuschauen, um sagen zu können: Ich war dabei. Zeitgeist und so. Wer will schon zugeben müssen: „Tut mir leid, aber als die Beatles ihr White Album rausgegeben haben, war ich mit Elvis beschäftigt“?

Nur wer soll es schaffen, diese immer umfangreicher werdenden Listen abzuarbeiten? Die (gefühlte) Hälfte des Jahres waren Kinos und Theater geschlossen, Konzerte fanden sowieso keine statt. Warum hinkt man trotzdem hinterher? Hilft es, die Saison der Bestenliste vorzuverlegen? Manche ziehen schon im Juni eine Zwischenbilanz, „The Best Albums of 2021 So Far“ nannte der „Rolling Stone“ seine etwa. Aber was hilft es, wenn mehr als sechzig Titel darauf auftauchen? Sechzig! Je länger es dauert, sich durch diese Sammlung zu scrollen, desto rapider schwindet die Motivation, zumindest die ersten fünf anzuhören.

Schließlich, kurz nach Neujahr, wenn auch die letzten Böller verschossen sind, findet man sich mit dem Gedanken ab: Gut, auch 2021 habe ich es nicht geschafft. Trotz Lockdowns. Was bleibt, sind Lücken, die man eigentlich nicht zugeben will. Glücklicherweise schließen sich manche wieder, werden nicht mehr als wichtig erachtet. Insgesamt wächst die Liste der Besten der Besten aber jährlich an. Was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass wir in einer Zeit des kulturellen Überflusses leben. Eigentlich ein schöner Gedanke.


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