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Atommüll: "Das wird ja nicht verbuddelt"

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Energiekommissar Oettinger versucht erneut, in der EU echte Endlager für radioaktiven Müll zu schaffen. Derzeit gibt es weltweit kein Endlager für die verbrauchten Brennstäbe aus den Atomkraftwerken.

Brüssel. Als die junge britische Königin Elizabeth II. am 17. Oktober 1956 um 12.16 Uhr feierlich Europas erstes Kernkraftwerk namens Calder Hall an der Irischen See einschaltete, fasste sie all die Hoffnung der Kriegsgeneration in einen schönen Satz: „Diese neue Kraft, die sich als eine so fürchterliche Waffe der Zerstörung erwiesen hat, wird erstmals für das Wohl unserer Gemeinschaft eingesetzt.“

Doch ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn der Atomenergie und sieben Jahre nach Stilllegung von Calder Hall ist ein wesentliches Problem ungelöst: Wohin mit dem radioaktivem Müll?

 

Zwei Turnsäle Atommüll pro Jahr

Derzeit gibt es weltweit kein Endlager für die verbrauchten Brennstäbe aus den Atomkraftwerken. 7000 Kubikmeter hochradioaktiven Müll erzeugen die derzeit 143 europäischen Atomkraftwerke, und zwar Jahr für Jahr. Damit könnte man ungefähr zwei Turnsäle füllen – vorausgesetzt, die Turnsäle lägen mindestens 300 Meter unter der Erdoberfläche in härtestem Gestein, das auch in der einen Million Jahre der Halbwertszeit dieser Art von Atommüll dicht und stabil bliebe.

Genau das ist nämlich das Modell sicherer Endlager, dem EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch seine amtliche Unterstützung gegeben hat: unterirdische Lagerstätten im möglichst hartem Gestein. „Das ist die richtige Form der Endlagerung“, sagte Oettinger bei der Vorstellung seines Vorschlags für eine EU-Richtlinie, die ab 2015 einheitliche Standards für die Endlagerung einführen soll. Und er bemühte sich um Begriffsbereinigung: „Das Ganze wird ja nicht verbuddelt. Denn aus meinen Kindertagen weiß ich: Was man verbuddelt, das findet man nicht mehr.“

 

Wie die Bürger einbinden?

Alle 27 EU-Staaten sollen bis 2015 der Kommission Pläne über Finanzierung, Bau und Betrieb von Endlagern vorlegen. Die Bürger, in deren Nachbarschaft Atommülldeponien entstehen, sollen dabei eingebunden werden. Doch wie genau, ist offen. „Die Mitgliedstaaten sollen sicherstellen, dass der Öffentlichkeit die Gelegenheit gegeben wird, wirksam am Entscheidungsprozess über verbrauchten Brennstoff und das Management von radioaktivem Müll teilzunehmen“, heißt es im Vorschlag.

Oettinger ist jedenfalls dagegen, den Anrainern ein Veto zu geben: „Nationale Politik ist mehr als die Addition tausender kommunaler Maßnahmen. Es kann schon vorkommen, dass Maßnahmen gegen den Willen der lokalen Kommunen gesetzt werden.“

Auch jene derzeit 13 Staaten einschließlich Österreich, auf deren Staatsgebiet keine Atomkraftwerke stehen, werden solche Pläne vorlegen müssen. Denn in Medizin, Forschung und Industrie fällt radioaktiver Abfall an, der aber deutlicher weniger strahlt als alte Brennstäbe. In Österreich werden jährlich rund 200 Fässer à 200 Liter schwach strahlenden Mülls im Zwischenlager Seibersdorf gesammelt, hieß es auf Anfrage der „Presse“ aus dem Umweltministerium. Länder, die selber keine Lager bauen wollen, müssen entsprechende Abkommen mit anderen EU-Staaten schließen. Der Export von Atommüll in Drittstaaten (vor allem nach Russland) wird aber ausdrücklich verboten.

Finnland, Schweden und Frankreich arbeiten bereits an Lagerstätten, die den EU-Ansprüchen genügen. Doch vor dem Jahr 2020 wird keines davon fertig sein.

Somit entscheidet die Frage, wie man Atommüll für alle Zeiten sicher verwahrt, auch über die Zukunft der europäischen Energie- und Klimaschutzpolitik. Denn ebenfalls 2020 will die EU erklärtermaßen ihren Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens ein Fünftel gesenkt haben, ohne das Wirtschaftswachstum zu hemmen. Einige Regierungen ziehen daraus konkrete Schlüsse: Polen will 2020 sein erstes Atomkraftwerk ans Netz bringen, auch Italien plant neue Reaktoren.

Lexikon: Atommüll

Radioaktiver Abfall fällt in vielen Bereichen an: Der weitaus größte Teil, nämlich 80 Prozent, entsteht beim Uranabbau. Der Müll aus medizinischen Anwendungen ist mit 0,5 Prozent vernachlässigbar. Was man von den 12.000 Tonnen, die weltweit pro Jahr aus Kernkraftwerken stammen, nicht sagen kann.

Hochradioaktiver Müll: Die größten Probleme machen nicht oder noch nicht verwendbare Reste bei der Produktion von Atomstrom aus. Jedes Jahr fallen in den 143 europäischen AKW 7000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall an. Da einige radioaktive Substanzen Halbwertszeiten von hunderttausenden Jahren haben, die Behälter, in denen sie zur Zwischenlagerung gebracht werden, aber nur rund 50 Jahre halten, erklärt sich das Problem von selbst. Die heiß umstrittenen deutschen Castor-Behälter zum Beispiel bestehen aus 28 eineinhalb Meter hohen Edelstahlröhren, in denen 400 Kilogramm 180 Grad heiße Glasmasse das radioaktive Material bindet.

Übliche Entsorgung: Bis 1993 kippten viele Staaten 100.000 Tonnen nukleare Abfälle einfach ins Meer. Reine Utopie sind wohl Ideen, Atommüll unter der Antarktis einzufrieren oder ihn auf andere Planeten bzw. direkt in die Sonne zu schießen. Daher sucht man nach alten, vornehmlich Salzbergwerken (z. B. im deutschen Gorleben), um den Müll zu deponieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2010)