Seit Mittwoch tagen Oberhausers Anwälte und der ORF-Personalchef. Einigen sich die Parteien, kommt es zu keiner Abwahl von Oberhauser. Boris Nemsic und Helmut Brandstätter dementieren Postengerüchte.
Es wird wieder einmal verhandelt auf dem Küniglberg. Seit Mittwochnachmittag sitzen die Anwälte von Elmar Oberhauser mit dem ORF-Personalchef Reinhard Scolik an einem Tisch. Worum es geht? Um die Kosten einer einvernehmlichen Scheidung zwischen dem Sender und seinem polternden Informationsdirektor. Einigen sich die Parteien, kommt es zu keiner Abwahl von Oberhauser. Aber: Solange keine Einigung absehbar ist, muss das Prozedere für eine Abwahl im Stiftungsrat eingehalten werden.
Da das Leitungsorgan des ORF, das aus 35 Mitgliedern besteht, am 11. November tagt, muss ORF-General Alexander Wrabetz spätestens am Donnerstag, die Abwahl beantragen, damit diese in der Tagesordnung der Sitzung festgeschrieben wird – als Back-up sozusagen, sollten die Verhandlungen scheitern. Wrabetz wird das jedenfalls tun. Kommt es zu einer Einigung, kann der Punkt „Abwahlantrag“ leicht gestrichen werden. Ein Ergebnis der Verhandlungen muss spätestens bis zur Sitzung vorliegen. Eine Vorgabe für den Deal mit Oberhauser lautet: Er muss weniger kosten als die Abwahl. Bei einer solchen müsste der ORF den Infodirektor bis Ende 2011 voll weiter bezahlen. Das allein sind rund 250.000 Euro. Zudem geht es um seine Pension, Dienstwagen und -wohnung.
In der Zwischenzeit wurde die Gerüchteküche angeheizt. Wer ist möglicher Kandidat für den Posten des Chefs auf dem Küniglberg, der spätestens im August 2011 neu gewählt wird?
Boris Nemsic: „Habe einen guten Job“
Der überraschende Name: Boris Nemsic. Der schon oft gehörte: Helmut Brandstätter. Nemsic, Ex-Chef der Telekom Austria, bevor er zum russischen Pendant Vimpelcom wechselte, sagt auf Anfrage der „Presse“: „Es ist sehr ehrenvoll, als ORF-General ins Spiel gebracht zu werden. Aber ich habe einen sehr guten Job.“ Nemsic ist zwar aus der Vimpelcom-Führung ausgeschieden, managt aber die von ihm eingefädelte milliardenschwere Übernahme des ägyptischen Telekomriesen Orascom durch die Russen. Bis zum endgültigen Vertragsabschluss sei er für dieses Projekt tätig, sagt er.
Helmut Brandstätter zeigt sich gegenüber der „Presse“ nicht besonders erfreut, erneut als möglicher ORF-Kandidat ins Spiel gebracht worden zu sein. Er sieht dies als einen „Störungsversuch von außen“, um Unruhe in die Lindengasse, den Sitz des „Kurier“, zu bringen. Auch deswegen habe er seine Mitarbeiter am Mittwoch mit einem E-Mail beruhigt, in dem er schrieb: „Ich habe mich sehr absichtlich längerfristig an den ,Kurier‘ gebunden und das noch keine Sekunde bereut.“ Er habe nie für den Posten des Generaldirektors kandidiert, sondern sei nominiert worden. Er sei mit Sicherheit „nicht der, den die da oben wollen“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2010)