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Barack Obama, der gefallene Messias

(c) AP (Pablo Martinez Monsivais)
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Bei all den überzogenen Hoffnungen, die in den 44. US-Präsidenten gesetzt wurden, stand fest: Dieser Mann kann nur enttäuschen. Daran sind jene schuld, die unbedingt glauben wollten, Obama sei ein Superheld.

Ein politischer Hurrikan war es auf alle Fälle. Zwar nicht gerade einer der Stärke fünf, wie einige Meinungsforscher vorhergesagt hatten. Doch er war stark genug, um die Machtverhältnisse im Kongress kräftig durcheinanderzublasen. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass US-Präsidenten bei den Midterm Elections Niederlagen einstecken müssen. Das widerfuhr sogar Sunnyboy Bill Clinton. Und bei der derzeitigen Wirtschaftslage wäre wohl jeder Amtsinhaber gnadenlos abgestraft worden.

Doch bei Barack Obama ist das etwas anderes – angesichts des ikonenhaften Bildes, das einst von ihm gezeichnet wurde. Wie kann er nur verlieren, wo von ihm erwartet wurde, dass er einem Messias gleich Amerika und den Rest der Welt von jeder Unbill befreien werde: der Wirtschaftskrise, der Klimakatastrophe, Atomwaffen, dem Krieg an sich? Wenn der Sieger schlechthin verliert, wirkt die Niederlage doppelt schwer.

Bei all den überzogenen Hoffnungen, die in Obama gesetzt wurden, stand eines von vornherein fest: Dieser Mann kann nur enttäuschen. Daran sind jene schuld, die unbedingt glauben wollten, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten sei ein neuer Superheld mit übermenschlichen Kräften. Daran ist aber auch Obama schuld: Denn er arbeitete im Wahlkampf ganz bewusst mit dem Mythos des allmächtigen Machers, der den großen Wandel bringen werde. Und unter Wandel erwarteten sich die Amerikaner, die vor zwei Jahren für ihn stimmten, sehr vieles.

Da war zunächst die Hoffnung auf Wandel hin zu einer stabilen Wirtschaft. Hoffnung auf ein Ende der großen Krise, die gerade über die USA hereingebrochen war. Die Konjunkturpakete, die Obamas Regierung schnürte, mögen geholfen haben, einen noch größeren Absturz der Wirtschaft zu verhindern. Doch davon spüren die einfachen Wähler nicht viel. Die hohe Arbeitslosigkeit spüren sie hingegen umso schmerzhafter. Und dass auf ihren Schultern ein neues Rekorddefizit lastet, wurde ihnen von Medien und den Republikanern anschaulich vor Augen geführt.

Auch Präsidenten vor Obama produzierten hohe Defizite. Doch dieses Mal kommt noch etwas dazu: das Gefühl, das Geld werde für ein „Mehr an Staat“, für „unamerikanische“ Projekte wie die Gesundheitsreform „zum Fenster hinausgeworfen“. Das verursacht bei vielen US-Bürgern allergische Reaktionen. Und die Tea-Party-Aktivisten verstärkten mit ihrem aggressiven, simplifizierenden Wahlkampf diese Allergie. Sie warfen Obama sogar vor, er habe mit Steuergeldern den reichen Bankern den Hals gerettet, während einfache, hart arbeitende Amerikaner in der Krise Opfer bringen müssen. Dass die erste große Geldspritze für die Banken von Obamas Vorgänger, dem Republikaner Bush, gekommen war, verschwiegen sie freilich.

Mit der Hilfe für Banken und die Automobilindustrie machte sich Obama auch bei Stammwählern Feinde: bei denen, die in der Wall Street einen ideologischen Feind sehen, der als „eigentlich Schuldiger“ für die Misere sogar belohnt worden sei. Die Banker und die Wall Street hassen Obama wegen seiner verbalen Angriffe auf sie aber trotzdem.

Unter Wandel verstanden viele vor zwei Jahren auch, dass die USA in der Welt wieder jenes Ansehen zurückerhalten, das sie in der Ära Bush verloren haben. Etwa wegen des Irak-Krieges, der in Europa und der arabischen Welt auf massive Kritik stieß. Obama versprach zur Freude der Kriegsgegner, den Irak-Einsatz zu beenden. Das tut er nun, auch wenn die Mission nach wie vor nicht erfüllt zu sein scheint.

Zugleich gibt der Friedensnobelpreisträger in Afghanistan aber den kompromisslosen Feldherrn. Und gerät damit in eine ähnliche Falle wie Bush im Irak. Denn die vielen Kriegsskeptiker unter Obamas Anhängern zweifeln immer offener an der Sinnhaftigkeit des Afghanistan-Einsatzes.

Auch wenn Außenpolitik bei den Kongresswahlen noch keine große Rolle spielte: Gerade die Diskussion um Afghanistan wird in nächster Zeit noch den einen oder anderen politischen Sturm über den Präsidenten hereinbrechen lassen. Kleine Hurrikans, die Obama zusetzen werden. Denn er ist kein politischer Heiland oder Superman. Er ist nur ein ganz normaler US-Präsident.

 

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2010)