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Plädoyer für den Koralmtunnel

Hinter dem von einigen kritisierten Vorzeigeprojekt stehen auch die Nachbarländer. Damit erschließt sich eine europäische Dimension.

Einmal soll der Koralmtunnel die Österreicherinnen und Österreicher 1800 Euro pro Kopf und Nase kosten (siehe den „Presse“-Artikel von Josef Urschitz vom 14.10.), die Woche darauf dann wieder 1000 Euro (Urschitz in der „Presse“ vom 21.10.). „Verkehrsexperten“ wie Hermann Knoflacher von der TU Wien wiederum sprechen von 11,2 Milliarden Euro Kosten – obwohl derzeit alle Beteiligten darlegen, dass der im Jahr 2022 fertiggestellte Tunnel 5,2 Milliarden Euro kosten wird.

Klar ist: Derzeit werden in Österreich rund 200 Bahnprojekte mit einer Kostenstabilität von ein Prozent Abweichung abgewickelt. Wiederkehrende anderslautende Horrorszenarien entsprechen schlicht nicht der Realität.

Seit 1999 laufen die Bauarbeiten für den in der Endphase 32,9 Kilometer langen Tunnel. Aus internationaler Sicht ist die Koralmbahn Teil des sogenannten Baltisch-Adriatischen Korridors. Dieser verbindet leistungsstark und klimafreundlich Polen, Tschechien und die Slowakei mit Ost- und Südösterreich sowie Oberitalien. Wenn Josef Urschitz „polemisiert“ (wie er selbst schreibt) und davon spricht, dass die Zugfahrt von Danzig nach Venedig derzeit 30 Stunden dauert, sich mit dem Koralmtunnel aber nur auf 29 Stunden verringert, so ist das etwas zu wenig weit gedacht. Fortschritt funktioniert nie von 0 auf 100, sondern in Etappen.

Gerade weil es jetzt noch einen sehr unzureichenden Bahnausbau in der Nord-Süd-Achse gibt, kommt es zu diesen von Urschitz zu Recht kritisierten schlechten Verkehrsverbindungen. Diese verärgern Bahnkunden und schaden dem wirtschaftlichen Aufschwung.

 

Eine Konkurrenz zum Flugzeug

Erst mit einer funktionierenden Verbindung – dazu gehören nun einmal der Koralm- und der Semmeringtunnel – wird auch die Bahnverbindung auf diesen Strecken interessant. Die Bahn kann dann nämlich sogar dem Flugzeug Konkurrenz machen. Davon würde auch die Wirtschaft im Wiener Raum profitieren – mit einer direkten Anbindung an die oberitalienische Industrieregion.

Fortschritt braucht auch Mut und Visionen. Gäbe es in der Schweiz nur Verkehrspolitiker, die ähnlich denken wie unsere selbst ernannten Experten, hätte man dort wohl bis heute noch keinen einzigen Tunnel. Der Koralm- und der Semmeringtunnel haben gegenüber anderen heimischen Verkehrsprojekten, etwa dem Brennerbasistunnel, einen entscheidenden Vorteil: Die Nachbarländer stehen hinter dem Projekt. Damit erschließt sich die europäische Dimension.

Wer eine wettbewerbsfähige Bahn auch im Sinne des immer wichtiger werdenden Umweltschutzes haben möchte, darf bei Vorzeigeprojekten nicht voreilig Stopp rufen. Und wer sich mit den Liberalisierungsstrategien der EU im Bahnverkehr ernsthaft auseinandersetzt, weiß, dass etwa moderne Railjets von Wien nach Venedig die Zukunft sind. Spekulationen über 30- oder 29-stündige Zugfahrten von Polen nach Italien werden dann allenfalls als Anekdoten die Runde machen.

Zur Person: Jörg Leichtfried ist Delegationsleiter der SPÖ-EU-Abgeordneten und Mitglied im Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2010)