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Die Ich-Pleite

Vorfreude ist die schönste Freude

Carolina Frank
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Die Männer freuen sich auf den Weihnachtsbaum, der ohne ihr handwerkliches Geschick sicher nicht so kerzengerade in seiner Halterung stecken würde. Die Frauen freuen sich auf die Freundinnen-Telefonate, bei denen sie den Silvestersekt schon ein bisschen verkosten werden.

Nach den Lockdowns des vergangenen Jahres freuen wir uns jetzt alle auf ein schönes Weihnachtsfest. Die Kinder freuen sich auf die Geschenke, auch die lauten, mit denen sie ihren Eltern auf den Nerven ­herumreiten werden.

Die Eltern freuen sich, dass die Geschenke alle rechtzeitig angekommen sind und bis zur großen Umtausch-Action noch ein paar Tage Ruhe ist. Die Feiertagsköche freuen sich auf das Starkochmenü, mit dem sie den Alltagsköchinnen zeigen, was kulinarisch möglich wäre, wenn man sich ein bisschen Mühe gäbe. Die Alltagsköchinnen freuen sich auf das Küchenchaos, das die Feiertagsköche ganz allein beseitigen dürfen. Die Schwiegereltern freuen sich, endlich wieder einmal viel Zeit mit ihren Lieben verbringen zu können, und über das schlechte Gewissen, das sie ihnen machen, weil sie nicht bis Silvester eingeladen sind. Die einen Omas freuen sich, dass sie den Enkeln teurere Geschenke gemacht haben als die anderen Omas. Die anderen Omas freuen sich auf den Trosteierlikör, den sie sich stattdessen gönnen werden. Die Opas freuen sich auf die Weihnachtsgans, für die ihnen niemand die Cholesterinwerte vorrechnen wird. Die Youngsters freuen sich auf die Party, zu der sie gleich nach der Bescherung abdampfen werden. Die Erwachsenen freuen sich auf die Ermahnungen, die sie ihnen mit auf den Weg geben werden.

Die Männer freuen sich auf den Weihnachtsbaum, der ohne ihr handwerkliches Geschick sicher nicht so kerzengerade in seiner Halterung stecken würde. Die Frauen freuen sich auf die Freundinnen-Telefonate, bei denen sie den Silvestersekt schon ein bisschen verkosten werden. Alle freuen sich auf Weihnachten. Und manche freuen sich auch auf den „Lockdown“, den sie sich freiwillig ­verordnet haben.

("Die Presse Schaufenster" vom 17.12.2021)