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Film

Die neue "West Side Story" ist großes Kino

Steven Spielbergs Neuverfilmung des 60 Jahre alten Klassikers ist rauer und strahlender zugleich.

Es beginnt mit einem Kameraflug – nein, nicht über ganz New York wie in den Helikopteraufnahmen, die 1961 den Film „West Side Story“ eröffneten. Steven Spielberg wirft uns direkt ins raue Viertel San Juan Hill, das bereits dabei ist, zu verschwinden, das unerwünscht ist: Die Kamera fliegt über zertrümmerte Häuser, knapp an Abrissbirnen vorbei, auf eine Luke im staubigen Boden zu. Aus dieser springen junge Männer, grinsen einander zu – und beginnen, im Rhythmus zu schnippen.

Das Schnippen prägte auch die Anfangsnummer vor 60 Jahren. Doch während die Burschen damals durch einen Ballspielkäfig tollten, lässt Spielberg sie gleich deutlich aggressiver durch die Straßen ziehen. Seine Erneuerung des legendären Musicalklassikers huldigt dem Original – und wirkt zugleich viel dringlicher. Vielleicht, weil die soziale Spaltung, die dieser „Romeo und Julia“-Adaption zugrunde liegt, so gegenwärtig scheint? Der Wut der Jets, dieser Bande von abgehängten New Yorkern ohne Perspektive, die nichts zusammenhält außer ihr Groll auf die aufstrebenden puerto-ricanischen Einwanderer – deren verbündete Hitzköpfe sich Sharks nennen –, dieser Wut kann man auch in der Gesellschaft von heute nachspüren. Rassismus, Machismo, dazwischen eine große Liebe, die nicht sein darf: Spielberg macht die Essenz des Musicals erfahrbar – mit überschwänglichem Ausdruck und in durch und durch filmischen Bildern.

Kaum eine Einstellung, in der er nicht meisterlich Licht und Schatten spielen lässt: Da bahnt sich die Sonne durch Stoffe und Zigarettendunst, da glitzert es in nassen Hinterhöfen, da ist fast jede Szene ein visuelles Fest des Funkelns, der Spiegelungen und tanzenden Schatten. Die Farben erzählen mit: In sonnigen Gelbtönen wirbeln die puerto-ricanischen Frauen mit wallenden Röcken durch die Straße, wenn sie ihre neue Heimat als Land der Befreiung loben: „Life can be bright in America.“ „If you can fight in America“, entgegnen ihre desillusionierten Männer.

Dialoge auf Spanisch. Die verfeindeten Jets wüten in Grau und Schwarz. Ihre Zukunftslosigkeit bedauert auch die örtliche Polizei. „The last of the Can't-make-it-Caucasians“, nennt sie der Lieutenant: Im Slum verbliebene Weiße aus desolaten Verhältnissen, die nichts aus sich gemacht haben. Während sie das Revier verwüsten, erklären sie in „Gee, Officer Krupke“ zynisch schnatternd, wie aus Selbstmitleid Gewaltbereitschaft wird: „No one wants a fella with a social disease.“ Im Kriegsspiel fühlen sie sich lebendig. Spielberg inszeniert die brutalen Schlägereien zwischen den Banden weniger als präzise choreografiertes Gerangel wie im alten Film, sondern als Kampfgetümmel mit orchestraler Wucht und lauten Sounds: Das ist Kino, nicht Bühne.

Der Jet-Anführer Riff (Mike Faist) kämpft wie einer, der nichts zu verlieren hat – und nichts zu gewinnen. Den milden Zügen von Tony (Ansel Elgort aus „Baby Driver“) hingegen nimmt man die Schlägervergangenheit nicht immer ab. Sein Schmachten für die frisch immigrierte Maria (mitreißend: Rachel Zegler) ist für beide Banden eine Provokation, die stolze Anita (stark: Ariana DeBose) gerät zwischen die Fronten. Dabei wird auch die Dynamik einer Familie sichtbar, die sich in einer neuen Heimat konstituiert: Die Figuren ermahnen einander, Englisch zu sprechen. Ein beträchtlicher Teil der Dialoge ist trotzdem auf Spanisch – ohne Untertitel. Das kann man verstehen – oder man vertraut mit Spielberg auf die Kraft der Bilder, der Musik und des Schauspiels.

Rita Moreno, die einst die Anita spielte, vermittelt jetzt als mütterliche Ladenbesitzerin zwischen den Seiten. Als Einwanderin, die mittlerweile als „Gringa“ durchgeht, hat diese die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander selbst verloren. Macht Amerika das mit einem? Die „West Side Story“ endet zwar versöhnlich, die unbehagliche Botschaft aber hallt nach.

Das Musical

„West Side Story“, eine freie Übertragung des „Romeo und Julia“-Stoffes ins New York der 1950er-Jahre, wurde 1957 als Bühnenstück uraufgeführt. Die Musik schrieb Leonard Bernstein, die Gesangstexte Stephen Sondheim, das Buch Arthur Laurents.

Die Verfilmung von 1961 wurde mit zehn Oscars prämiert.

Steven Spielberg hat das Musical nun erneut verfilmt: Seine „West Side Story“ ist jetzt im Kino zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2021)