Nature Theater of Oklahoma: Ein Leben rauscht durchs Telefon

Nature Theater Oklahoma Leben
Nature Theater Oklahoma Leben(c) Dapd (Lilli Strauss)
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Kelly Copper und Pavol Liska über ihr Projekt „Life and Times“, dessen Episode zwei am Freitag im Burgtheater-Kasino uraufgeführt wird.

Was bleibt vom Durchschnittsleben über? Woran erinnert man sich? Kelly Copper und Pavol Liska setzen diese Frage in „Life and Times“ konsequent um. Die beiden Gründer des New Yorker „Nature Theater of Oklahoma“ haben mit ihrer Kollegin Kristin Worrall (*1972) 16 Stunden Telefongespräche geführt, in denen diese mit 34Jahren ihr Leben von frühesten Erinnerungen an rekapituliert. Ein Skript für die Bühne wurde angefertigt, das den Wortlaut nicht beschönigt. „Die Telefonate sind ein Container, der offen für jede Kunstform ist. Wir nehmen nur meine Fragen und Wiederholungen oder Abschweifungen raus“, sagt der aus Tschechien stammende Liska.

Die erste Episode führte bis ins achte Jahr. Dreieinhalb Stunden dauerte 2009 der Abend im Kasino, mit drei US-Schauspielerinnen, drei Burgschauspielern und Musikern. Das Projekt wurde zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Wie verkraftet das Team diesen Ruhm? Copper: „Wir kommen uns wie in einer Prüfungssituation vor. Die Erwartungshaltung ist groß. Es gibt keine Entspannung für uns.“

„Die Elemente sind zufällig“

Nun folgt Teil zwei. Ohne Musiker, mit sechs Schauspielern, in Zusammenarbeit mit der Tanzgruppe ROSAS: Kristins Erinnerungen an die ersten Highschool-Jahre bis ins 14.Lebensjahr. Zwei Stunden sind es diesmal. „Das ist Zufall“, sagt Liska, „der Telefonanruf war kürzer, weil ich wegmusste. Es bleibt dann eben mehr für Episode drei.“ Für Copper ist das Projekt keine herkömmliche Dramatik, sondern Erzählen: „Aber das nimmt auf der Bühne eine ganz andere Form an. Die Elemente sind zufällig, nicht in traditioneller dramatischer Pose.“

Erzählt wird von einem Kollektiv. Liska: „Das ist eine normale Geschichte, die jedem von uns passieren könnte. Sie handelt nicht von einer Person, sondern von einer Generation. Wir schaffen die Biografie einer Gesellschaft. Es geht im Idealfall nie um die Schauspieler als Individuum. Es geht immer ums Publikum.“ Eine Stimme ist auf mehrere Darsteller verteilt. Man sei nicht an der Darstellung von Charakteren interessiert, deshalb könne man die Rollen auch nicht eindeutig zuschreiben. Liska: „Wir formen Zeit im Raum, wir arbeiten mit Erwartungshaltungen.“

Die Umsetzung des Materials werde mindestens zehn Jahre dauern: „Wir sehen das als Architekturprojekt, als ganzes Gebäude. Wir wollen nicht Unterhaltung für eine Nacht, sondern ein Monument schaffen, das Theater neu denken und erfinden. Es geht uns nicht darum, ob das Gebäude hübsch oder hässlich sein wird, sondern darum, dass wir es gebaut haben. Das ist unser großer Traum.“

Was ist die Handlung von Episode zwei? Liska: „Es wäre zu brutal, das zusammenzufassen. Da müssten wir reduzieren. Wir wollen nah dran sein, sie nicht aus einer Vogelperspektive betrachten. In Episode zwei gibt es viele Tanzelemente, wir übersetzen Geschichte in Bewegung. Ich kann den Plot nicht in drei Sätzen erklären. Ein durchgängiges Thema aber zeigt, wie hart das Leben ist, wenn man vom Kind zum Jugendlichen wird. Es wird deprimierend und dunkel.“ In Episode eins habe das Kind die Welt nur mit den eigenen Augen gesehen, ergänzt Copper: „In Episode zwei realisiert das Kind, dass auch andere Menschen Sehnsüchte und Begierden haben, dass nicht alle Menschen gut sind.“

Wie reagiert das Publikum auf das gewöhnliche Leben? Copper: „Mich hat erstaunt, wie sich die Zuseher ihre eigenen Charaktere schaffen. Je mehr wir das Individuelle entfernen, desto mehr ergänzen sie das mit einer eigenen Interpretation einer Person. Wir sagen den Schauspielern auch, dass die Person, über die sie gerade reden oder singen, wahrscheinlich auch im Raum ist, unter den Zusehern. Das sind alles Nachbarn, Väter oder Mütter. Und nach der Aufführung kommen nicht wenige zu uns– und erzählen uns ihr Leben.“

Im Kasino: 5.11.2010, 20 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2010)

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