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Türkei will Islam an Schulen forcieren

Tuerkei will Islam Schulen
(c) AP (GERO BRELOER)
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Nachdem das Kopftuchverbot an Universitäten de facto gefallen ist, nimmt die Regierung nun den Schulunterricht ins Visier. Die Schule solle Werte vermitteln, die auf dem „Glauben an Gott“ basieren.

[Istanbul] Bei Verfechtern einer laizistischen Türkei schrillten diese Woche wieder einmal die Alarmglocken: Diesmal ging es nicht um das Kopftuch an Universitäten, sondern um die Bedeutung des Islam an Schulen. Die soll steigen, wie Vorschlägen zu entnehmen ist, die der nationale Unterrichtsrat laut der Zeitung „Hürriyet“ diskutierte. Sie würden den Charakter des Unterrichts verändern.

So wurde vorgeschlagen, die Schule solle Werte vermitteln, die auf dem „Glauben an Gott“ basieren und dies in islamischer Terminologie. Angeblich wurde auch über die Möglichkeit getrennter Klassen für Buben und Mädchen diskutiert. Der Rat stimmte schließlich für eine Empfehlung, die sich nicht direkt auf die Religion bezieht, die Zahl der Schüler an religiösen Schulen aber erheblich erhöhen könnte. Im türkischen Schulsystem ist zwar Religionsunterricht als Pflichtfach per Verfassung vorgeschrieben. Alle Schüler außer Christen werden in sunnitischer Religion unterwiesen, ob ihre Eltern wollen oder nicht.

 

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Doch das reicht religiösen Eltern nicht. Daher wird seit Langem ein Schlupfloch für eine religiöse Erziehung genutzt: die Predigerschulen, deren prominentester Zögling Premier Recep Tayyip Erdoğan ist. Dies sind Berufsschulen, die Prediger und Theologen heranbilden sollen. Obwohl es in diesem Bereich kaum Arbeitsplätze für Frauen gibt, ist der Anteil an Mädchen und Buben auf diesen Schulen in etwa gleich. Im Falle der Mädchen geht es also meist darum, ihnen eine religiöse Schulausbildung mit Kopftuch zu ermöglichen.

Die Empfehlung des Rats, dem Unterrichtsministerin Nimet Çubukçu vorsitzt, läuft auf eine Abschaffung der einheitlichen achtjährigen Schule hinaus. Damit könnten Schüler und Schülerinnen schon in der fünften statt erst in der neunten Klasse auf eine Predigerschule wechseln. Genau um dies zu verhindern wurde die achtjährige Einheitsschule auf Druck des Militärs einst eingeführt.

Säkular eingestellte Türken wittern seit Längerem eine allmähliche Reislamisierung der Lebensweise in der Türkei. Das betrifft bisher vor allem das Thema Alkohol: Die führende Brauerei Efes meldete vor einigen Monaten, 13.000 Verkaufsstellen für alkoholische Getränke in Anatolien verloren zu haben, weil Anwohner Druck machten. Vor ein paar Tagen wurden praktisch über Nacht die Steuern auf alkoholische Getränke um bis zu 30Prozent erhöht.

Und nachdem die Regierung im September per Referendum eine Verfassungsreform durchgebracht hatte, die ihre Stellung gegenüber Justiz und Militär stärkt, wurde das Kopftuchverbot an Universitäten zwar nicht de jure, aber de facto außer Kraft gesetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2010)

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