Thomas Birkmeir hat den kanadischen Kinderbuchklassiker recht frei umgeschrieben - und einiges an Dramatik hinzugefügt.
Sie ist lebhaft, eigensinnig und vorlaut, hat eine Fantasie, die sie über alle Fatalitäten hinwegrettet und deren Blüten sie gern auch mit jenen teilt, die sie nicht hören wollen. Und sie ist hoffnungslos dramatisch, diese „Anne of Green Gables“, Titelheldin der ab 1908 erschienenen Romanreihe der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery. Anne „mit einem E“, das ist ihr wichtig, das wirke nämlich viel vornehmer. Eines ihrer Lieblingswörter ist „tragisch“ – und sie nutzt es gern, um auch die noch so kleinen „Tragödien“ in ihrem Leben (etwa eine schiefgegangene Haarfärbeaktion) so zu überhöhen, dass man die eigentliche Tragik ihres Lebens (ihre Vergangenheit als von Haus zu Haus weitergereichtes Waisenkind) glatt vergessen könnte.
Diese Anne ist eine Kämpferin
Fantasie als Überlebens- und Befreiungsstrategie: Thomas Birkmeir, Leiter des Theater der Jugend, scheint diesem Konzept in seiner Bühnenfassung von „Anne of Green Gables“ nicht ganz zu trauen. In seiner Musicalversion (mit Liedern von Gerald Schuller) zeichnet er den rothaarigen Wirbelwind (der Astrid Lindgren dereinst zu Pippi Langstrumpf inspiriert haben soll) weniger als kecke Träumerin denn als toughe Löwin, die ihr Schicksal in die Hand nimmt. Dafür dichtet er ihr eine umso dramatischere Biografie an, vom Nonnenkloster – wo die Schwestern grooven wie in „Sister Act“ – bis zum sadistischen, Captain-Hook-artigen Sklaventreiber im Waisenhaus.
Das Ergebnis ist mitreißend, mitunter recht witzig und Optimismus versprühend – aber eben auf ganz andere Art als die Romanvorlage. Im minimalistischen Bühnenbild, in dem projizierte Videos als Kulissen funktionieren, plappert sich Victoria Hauer als Anne in die Herzen ihrer neuen Adoptiveltern, des Geschwisterpaars Matthew und Marilla (wunderbar trocken: Susanne Altschul). Ein spielfreudiges und wandlungsfähiges Ensemble führt als reimender Erzähler durch die Geschichte, die mit flotten, aber recht blechernen Liedern angereichert ist. Deren Botschaft: Rette dich selbst!